Birgit Vanderbeke: Die sonderbare Karriere der Frau Choi

Asiatische Spezialitäten im Südwesten Frankreichs:

Liebe Petra, 

einen Krimi, bei dem ich von Anfang an den Mörder kenne und der noch dazu in Japan spielt, den musste ich mir natürlich sofort besorgen. Ich bin gerade mitten bei der Lektüre und es fällt mir richtig schwer, mich davon loszueisen. Aber Zeit für einen Brief an dich nehme ich mir immer gerne. Um so mehr, wenn wir beim Thema Japan sind und ich die Gelegenheit habe davon zu schwärmen.

Seit meinem leider viel zu kurzen Besuch im Sommer 2019 ist Japan mein Herzensland. Ich muss gestehen, ich hatte es mir, was Architektur und Landschaft betrifft, ein bisschen wie China vorgestellt. Weit gefehlt, ich kam mir an manchen Orten eher wie in der Schweiz vor. Alles so geordnet und beschaulich.  Aber es waren vor allem die Menschen, die mich unglaublich beeindruckt haben. So freundlich und rücksichtsvoll. C. und ich waren gerade mal 2 Stunden im Land und hatten noch nicht viel mehr gesehen als den Flughafen und den Bahnhof von Osaka, als sie zu mir meinte: „In Japan würde ich gerne leben!“ Und obwohl ich zu dem Zeitpunkt nach fast 7 Jahren in China dachte, ich wäre „fertig“ mit Asien, ging es mir genauso. 

Cup Noodle Museum Osaka

 Aber lass mich dir von unserem Mutter-Tochter-Trip berichten. Wir hatten uns für den Klassiker unter den Japanreisen für Anfänger entschieden: Osaka, Kyoto, Nara, ein bisschen Großstadt, ein bisschen Kultur, ein bisschen Natur. 

Der Deal bei unseren Mädels-Trips ist, dass wir einen Tag alles machen, was C. interessiert, dafür darf sie am nächsten Tag nicht murren, wenn ich ein paar mehr Sehenswürdigkeiten besuchen möchte. Und so fuhren wir gleich am ersten Tag auf C.s besonderen Wunsch in das Cup-Noodle-Museum von Osaka. Cup-Noodles erobern so langsam auch Europa, aber ihnen gleich ein ganzes Museum zu widmen? Das wäre ja wie ein Spaghetti-Museum in Italien oder ein Spätzle-Museum im Allgäu. Ohne C. wäre dieses Museum also sicher nicht der erste Ort gewesen, den ich in Osaka besucht hätte. Ich muss aber zugeben, dass dieses interaktive Museum, in dem man sich seine eigenen Cup-Noodle-Kreationen zusammenstellen und mit nach Hause nehmen darf, sehr unterhaltsam ist.

 Am nächsten Tag gab es von mir gleich noch eine Zugabe für C.  und wir verbrachten den ganzen Tag in den Universal Studios, oder besser gesagt, in dessen Harry-Potter-Welt. Gut, das hätte ich persönlich auslassen können, aber ich hatte ja große Pläne für die folgenden Tage: Verrücktes Großstadttreiben in Downtown Osaka, Tempel und Schreine in Kyoto und ganz viel Natur und wohlerzogene Rehe in Nara.

Und dazwischen Sushi, Udon, Ramen,Takoyaki und Tempura.  Ich darf gar nicht an das leckere Essen in Japan und dem übrigen Asien denken. Das vermisse ich hier wirklich schmerzlich und dabei kann ich mich über das Essen in Italien wirklich nicht beklagen. 

Aber so fein angerichtetes, gedämpftes chinesisches Dim Sum oder scharfes koreanisches Kimchi, was würde ich darum geben! 

Das bringt mich auch direkt zu dem Buch, das ich dir vorstellen wollte und mit dem ich thematisch zumindest kulinarisch in Asien bleibe. Die sonderbare Karriere der Frau Choi von einer meiner Lieblingsautorinnen, Birgit Vanderbeke. 

Wenn ich mir ein Talent aussuchen dürfte, dann wäre es so schreiben zu können wie Birgit Vanderbeke. Ich weiß noch, wie ich bei ihrem ersten Roman Das Muschelessen das Gefühl hatte, förmlich in die Geschichte, die eigentlich ganz harmlos beginnt, hineingezogen zu werden. Und dann mein persönliches 90er-Jahre-Kultbuch Alberta empfängt einen Liebhaber. Ein Buch über mein Leben, wie ich glaubte. Rückblickend würde ich sagen, so ziemlich über jedes Leben derer „Um-die-Dreißig“. Aber zurück zum Buch Die sonderbare Karriere der Frau Choi

Wie bei jedem ihrer Romane hat mich auch hier wieder Vanderbekes ganz besondere Art zu schreiben angesprochen. Und tatsächlich spricht Vanderbeke den Leser auch immer wieder direkt an, gibt ihm das Gefühl schon bescheid zu wissen, während sie ausschweifend mehrere Geschichten und Nebengeschichten zu erzählen beginnt. Man hat ständig das Gefühl hat, sie weicht vom Thema ab, um doch immer wieder auf den Punkt zu kommen. Keine der scheinbaren Nebengeschichten bleibt unauserzählt. Bei meiner Recherche zu dem Buch habe ich festgestellt, dass dieser Eintopf an unterschiedlichen Geschichten nicht jedem mundet, für mich macht das aber genau den Reiz des Buchs aus, ist es die typisch Vanderbeksche Erzählweise.

Die Geschichte, spielt in einem dieser typischen, verschlafenen, kleinen Orte im Südwesten Frankreichs, wie wir sie alle aus unseren Sommerurlauben kennen, einer dieser Orte, in die sich im Winter jedoch kein Tourist verirren würde. Vanderbeke gibt dem Ort auch keinen Namen, sondern spricht immer nur von M**.

In dieses M** zieht die Koreanerin Frau Choi aus Gwangju (übrigens die sechstgrößte Stadt Südkoreas, wie ich gegoogelt habe) mit ihrem Sohn. Nun ist es ja erst einmal sowieso verwunderlich, dass sich eine Fremde in einem kleinen Ort wie M** niederlässt. Doch wenn diese Fremde dann auch noch eine Koreanerin ist, ist das geradezu exotisch. Und so kann auch keiner damit rechnen, dass genau diese neue Einwohnerin das Schicksal des Ortes verändern wird. 

Zunächst einmal eröffnet sie ein koreanisches Restaurant ganz im Stil des japanischen Stararchitekten Itami Juns, das wider Erwarten sehr erfolgreich ist in einer Gegend, in der man traditionell bevorzugt Lamm mit verkochten Bohnen isst. 

Das Restaurant ist jedoch nicht nur eine kulinarische und architektonische Bereicherung für den Ort, mit ihren exotischen Gerichten befreit Frau Choi auch den Sohn einer Freundin von seiner Migräne und räumt so ganz nebenbei unliebsame Mitbürger unauffällig aus dem Weg. So unauffällig, dass nicht einmal ein im Ort Urlaub machendes Forensiker-Ehepaar ihr auf die Schliche kommt, zumindest nicht so ganz … 

Aber Frau Choi sorgt nicht nur dafür, dass der kleine Ort im Südwesten Frankreichs von aller Negativität befreit wird, sie hilft dem verschlafenen Nest auch zu einem regelrechten Aufschwung. Aber wie sie das macht verrate ich dir nicht. 

Ach, liebe Petra, wenn wir doch bald mal wieder verreisen könnten. Ich stelle es mir gerade so schön vor, wie wir beide irgendwo in Südwestfrankreich mit einem Rosé sitzen oder auf eurem künftigen Bauernhof im Allgäu oder bei uns Italien in einem Haus, das wir hoffentlich bald finden. 

Bis dahin reisen wir halt in Gedanken und angeregt durch gute Lektüre! Ich bin dann mal wieder kurz in Japan!

Bis bald

Deine Uli

Infos zum Buch

Titel: Die sonderbare Karriere der Frau Choi
Autor: Birgit Vanderbeke
Verlag: S. Fischer Verlag

Erschienen: August 2007 

ISBN-13: 9783100870865

Umfang: 128 Seiten

Preis: ca. 12 Euro

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