Carlo Goldoni: Viel Lärm in Chiozza

Der Unterschied zwischen Chioggia und Bielefeld:

Liebe Petra,
von dem Buch Die Herrenausstatterin höre ich tatsächlich zum ersten Mal. Es trifft sich gut, dass du mir davon erzählt hast, denn ich suche gerade nach einem guten, neuen Hörbuch. Und ich glaube, Die Herrenausstatterin ist genau, was ich mir mit meinen nicht mehr ganz Dreißig sehr gerne anhören möchte.  
Übrigens, kein Wunder, dass wir uns in der Zeit, in der ich in Bielefeld gelebt habe, aus den Augen verloren hatten. Bielefeld gibt es doch gar nicht! Und somit war ich in diesem Jahr schwer zu finden. Schau mal im Internet unter Bielefeld-Verschwörung nach. Das ist wohl die Mutter aller Verschwörungstheorien, aber doch wesentlich sympathischer als vieles, was man in letzter Zeit so hören muss.Zum Glück wohne ich jetzt in Venetien und das gibt es definitiv und völlig verschwörungstheoriefrei. Und wenn wir dann endlich wieder reisen dürfen, habe ich schon einen Ort, gleich bei mir ums Eck, den ich dir unbedingt zeigen möchte und der mich zu dem Buch bringt, das ich dir heute vorstellen möchte.

Es handelt sich um einen echten italienischen Klassiker. Viel Lärm in Chiozza von Carlo Goldoni, ein Theaterstück, das 1762 in Venedig uraufgeführt wurde.

Goldoni Statue Venedig
Goldoni Statue in Venedig

Ich hatte das Buch eigentlich schon fast vergessen, bis wir im September einen Sonntagsausflug nach Chioggia machten. Es war wieder einer dieser typischen Sonntage, M. wollte gerne ans Meer nach Jesolo, weil es vielleicht das letzte Wochenende sein würde, an dem man noch im Meer baden konnte. Ich wollte gerne mal etwas „anderes“ machen und C. am liebsten gar nichts, sondern zu Hause bleiben. Mein Kompromiss war, nach Chioggia, bekannt als kleine Schwester Venedigs, zu fahren, weil das ja auch am Meer liegt und man könne doch nach einer kleinen Tour durch das Städtchen einmal zur Abwechslung einen anderen Strand besuchen. Und auf der Landkarte sehe es doch so aus, als gebe es in der Nähe von Chioggia einen Badestrand. Ok, ich gebe zu, für C. war an dieser Stelle schwer zu erkennen, welchen Vorteil sie aus diesem Kompromiss ziehen sollte.

Was soll ich sagen, als wir in Chioggia ankamen, war nur eine Person so richtig begeistert von dem bevorstehenden Ausflug und das war ich. Der Besuch stand von Anfang an unter keinem guten Stern, denn der Geheimtipp Chioggia ist wohl schon lange kein Geheimtipp mehr. Auf jeden Fall fanden wir erst Mal keinen Parkplatz, dafür durfte M. aber unser Auto durch idyllische, enge Gässchen und am noch schmäleren Meereskai entlang manövrieren. Und das mag er, und das ist jetzt wirklich völlig ironiefrei, doch so gerne. M.s Stimmung war also schon wieder ok, von hinten kam jedoch: „Also, ich finde wir sollten nach Hause fahren, hier gibt es doch eh keinen Parkplatz.“

Kanal Chioggia
Chioggia

Ich schickte also schnell (ich glaube den Tipp hast du mir mal gegeben) die Bitte ans Universum, wir mögen doch jetzt zügig einen Parkplatz finden. Und wie das halt so ist, wenn man sich einen Parkplatz vom Universum wünscht, findet man nicht nur irgendeinen, sondern gleich den an der Piazza vor der Kirche. Das „Wir bleiben aber maximal eine Stunde“ aus dem Hinteren des Wagens überhörte ich einfach mal. Und wir stürzten uns in die Gassen Chioggias. Der Ort ist wirklich zauberhaft. Klein zwar, man könnte ihn, wenn man denn wirklich wollte, schon wie vom Teenager gewünscht in unter einer Stunde schaffen. Aber man kann sich auch schön Zeit lassen und am Wasser entlang bummeln, sich in ein Café an einem der Kanäle setzen, den Schiffen auf dem Meer nachsehen.  Wenn du mich dann bald mal besuchen kommst, sollten wir beide, und zwar nur wir beide, dort auf jeden Fall einen schönen Tag verbringen.

Ansicht Chioggia


Aber zurück zu Viel Lärm in Chiozza. Der deutsche Titel erinnert nicht von ungefähr an Shakespeares Viel Lärm um nichts. Das Gezanke der Einwohner Chiozzas wird im Grunde nur von Nichtigkeiten verursacht, und zwar vor allem, weil in dem kleinen Fischerdorf ein eklatantes Ungleichgewicht an Männern und Frauen herrscht und die heiratswilligen Frauen schauen müssen, dass sie einen Mann abbekommen. Und so geraten diese auch gleich im ersten Akt in einen heftigen Streit, während sie beim Klöppeln (du erinnerst dich sicher an die hübschen Spitzendeckchen, für die Burano so bekannt ist) darauf warten, dass die Männer vom Fischen zurückkommen. Es werden Ansprüche auf bestimmte Männer gestellt, die Reihenfolge beim Heiraten muss eingehalten werden und überhaupt muss man erst einmal durch das Tragen eines Jungfernrocks anzeigen, dass man überhaupt auf dem Heiratsmarkt zur Verfügung steht. Als die Männer dann mit ihrem Fang an Land kommen, werden sie schnell in den Streit hineingezogen. Wie dies alles dann, genauso wie es sich für eine Komödie gehört, doch noch zu einem guten Ende kommt, ist eigentlich schon die ganze Handlung. Eine kurze, unterhaltsame Geschichte, die man in ein, zwei Stunden gelesen hat.

Das Stück ist mir besonders ans Herzen gewachsen, weil es die erste Komödie war, die ich im Original in einem Goldoni-Seminar an der Uni gelesen habe. Und ich sage dir, das war gar nicht so einfach, denn Herr Goldoni schreibt im venezianischen Dialekt (daher auch Chiozza) und damals, war ich schon froh, wenn ich Literatur in der italienischen Standardsprache verstanden habe. Aber ein Italienischstudium ohne Goldoni ist wie Germanistik ohne Goethe und Schiller. Goldoni steht in der Tradition der Commedia dell’arte, wollte aber in seinen Stücken von der typenhaften Darstellung der Charaktere wegkommen (du erinnerst dich sicher an Figuren wie den Arlecchino und den Medico della Peste mit seiner Schnabelmaske) und echte Menschen zu Wort kommen lassen.

Medico della Peste commedia dell'arte
Medico della Peste

Vielleicht haben wir ja die Gelegenheit bei deinem nächsten Besuch genau diese Komödie im Teatro Goldoni in Venedig anzusehen. Das wäre doch ein gelungener Abschluss unseres Ausflugs nach Chioggia. Und danach noch ein Bellini in Harry’s Bar …

Ich schicke dir eine dicke Umarmung. 

Bis bald, 

Deine Uli

Gondeln Venedig Marktplatz

*AFFILIATE LINK. Über den Link oben kannst du das Buch gerne bestellen. Wir bekommen dann eine kleine Provision, dir entstehen dadurch aber keinerlei Mehrkosten.

Infos zum Buch 

Titel: Viel Lärm in Chiozza (Original: Le baruffe chiozzotte)
Autor: Carlo Goldoni
Übersetzung und Nachwort: Heinz Riedt
Verlag: Reclam

Erschienen: 01.01.1986

ISBN: 978-3150085684

Umfang: 94 Seiten

Preis: 3,60 Euro

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