Celeste Ng: Kleine Feuer überall

Vorstadtidylle oder was Bayreuth und Cleveland verbindet:

Liebe Petra,

was für ein Jahr! Nun lebe ich seit 5 Monaten im Belpaese und hatte es mir so schön vorgestellt, jedes Vierteljahr nach Deutschland zu kommen und dich ein paar Mal im Jahr bei mir zu Besuch zu haben. Aber ich vermute, wir müssen noch viel Geduld haben, bis wir uns endlich wieder treffen können.

Hier in Italien wechseln wir je nach Inzidenzfällen (Wie viele Unwörter 2020 doch hervorgebracht hat!) zwischen gelber, oranger und roter Zone hin und her und es herrscht maximale Verwirrung, was gerade erlaubt ist und was nicht. Es ist schon eine sehr anstrengende Zeit. Aber immerhin hat dieser ständige Lockdown ein Gutes: Man hat mehr Zeit zum Lesen. Zumindest solange die Online Schule der Kinder ohne größere Störungen funktioniert. Deine Empfehlung von Lionel Shriver steht jedenfalls schon ganz oben auf der Liste der Bücher, die ich als nächstes lesen werde. 

Ach, unsere Zeit in Bayreuth! Wahnsinn, wie lange das schon her ist, wie weit unsere Freundschaft inzwischen zurückgeht. Wir hatten neben dem ganzen Stress im Referendariat schon eine echt gute Zeit in unserer WG am Grünen Hügel beim Festspielhaus. Rotwein und Schokolode, dazu Iris Berben und Hannelore Elsner als Die Geliebte im Vorabendprogramm. Und so manche durchlachte Nacht. 

Erinnerst du dich, wie unsere Vermieterin uns jedes Mal gerügt hat, wenn sie mit uns die Abrechnung unserer Telefonate gemacht hat? Und wie wir versucht haben, dabei ernst und reumütig zu wirken. So richtig verstanden haben wir zwar nie, was sie so tadelnswert fand, aber sie erweckte jedes Mal den Eindruck, als müsse sie höchstpersönlich für unsere XXL Telefonate bezahlen. Schade eigentlich, dass ausgiebige Telefonate inzwischen von Textnachrichten abgelöst wurden. Ich finde mit unseren E-Mails sind wir schon fast old school.  

An die Vorstadtidylle vom Grünen Hügel musste ich übrigens auch denken, als ich „Kleine Feuer überall“ von Celeste Ng gelesen habe.  Es ist eines der wenigen Bücher, die ich zweimal gelesen habe. Grund dafür ist eine Verfilmung mit Reese Witherspoon, die ich auf einem bekannten Streamingdienst entdeckt habe. Die Serie ist durchaus sehenswert, aber das Buch ist natürlich besser. 

Die Geschichte spielt in den 90er Jahren (also genau zu der Zeit, als wir beide in Bayreuth waren) im etwas zu perfekten und idyllischen Shaker Heights, einem Vorort von Cleveland, in dem sogar vorgeschrieben ist, wie hoch die Grashalme im Vorgarten wachsen dürfen. Hier treffen Elena Richardson und Mia Warren aufeinander, zwei Mütter die unterschiedlicher nicht sein könnten. 

Elena Richardson, so scheint es, hat in ihrem Leben immer alles richtig gemacht. Sie verkörpert alles, wofür Shaker Heights steht: Anwaltsgemahlin mit solidem, doch etwas langweiligem Journalistenjob bei der Lokalzeitung, perfekt geratene Kinder, zumindest größtenteils.

Auf dieses Idyll treffen Mia Warren und ihre Tochter Pearl, die bisher ein wahres Hippie-Leben geführt und an keinem Ort besonders lang verweilt haben. Ihre unkonventionelle Art zu leben zwingt die Mitglieder der Familie Richardson (manche mehr als andere), hinter die perfekte Fassade ihres Lebens zu blicken.

Gleich zu Beginn des Romans der Paukenschlag: Jemand hat das Haus der Richardsons in Brand gesteckt und Elena Richardson muss fassungslos zusehen, wie ihr perfektes Leben in Flammen aufgeht.

Stück für Stück erfahren wir bei der Lektüre des Romans, wie es dazu kam, wie sich die Schicksale der beiden Familien immer mehr verflochten haben.

Da ist Mias Tochter Pearl, die sich nach einem geordneten Leben wie dem der Richardsons sehnt und immer mehr Zeit bei ihnen verbringt. Elenas Tochter Izzy, die Rebellin, die aus dem Käfig des perfekten Vorstadtlebens ausbrechen will, fühlt sich dagegen sehr zu Mia und ihrer unkonventionellen Lebensweise hingezogen. Ein Sorgerechtsstreit zwischen einer chinesischen Einwanderin und guten Freunden der Familie Richardson spaltet nicht nur die Richardsons und Warrens, sondern ganz Shaker Heights in zwei Lager. Und dann beginnt Elena auch noch in Mias Vergangenheit zu graben. All diese mehr oder weniger unterschwelligen Konflikte kulminieren letztendlich in dem Brand, von dem wir am Anfang des Buchs erfahren haben. 

Die Komposition des Buches – Ende gleich am Anfang – kam mir natürlich auch sehr entgegen.  Ich bin doch eine von denen, die besonders bei Krimis gerne mal gleich am Anfang die letzten Seiten aufschlagen, weil ich es nicht erwarten kann, herauszufinden, wer der Täter war. Das hat die Autorin für mich hier gleich im ersten Kapitel erledigt, so dass ich den Rest des Buches sehr entspannt lesen konnte. 

Ein ganz tolles Buch. Wie hatte Elke Heidenreich in ihrer legendären Sendung immer gesagt? Lesen! Und danach auch gerne die Serie sehen, aber erst danach. Aber das brauche ich dir ja eh nicht sagen.

Ich schicke dir eine dicke Umarmung aus Venetien! 

Deine Uli

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Infos zum Buch

Titel: Kleine Feuer überall (Little Fires Everywhere)
Autor: Celeste Ng
Übersetzung: Brigitte Jakobeir
Verlag: dtv

Erschienen: August 2019 

ISBN-13: 9783423147231

Umfang: 384 Seiten

Preis: 11,90 Euro

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