Mariana Leky: Die Herrenausstatterin

Schräg, poetisch, komisch:

Liebe Uli,

ja, Südfrankreich und Rosé klingen sehr verlockend! Im Moment wäre ich ja schon zufrieden, wenn ich mal wieder einen Cappuccino in einem Straßencafé in der Nähe trinken dürfte… 

An unsere Vanderbeke-Zeit kann ich mich übrigens noch gut erinnern: Alberta empfängt einen Liebhaber und Das Muschelessen haben mich damals ebenfalls begeistert. Bis ich letzteres mit einer 11. Klasse gelesen habe. Sie fanden es doof. Und ich erinnerte mich daran, dass in meiner Ausbildung ein Dozent einmal sagte: „Lesen Sie mit einer Klasse NIEMALS ein Buch, das Ihnen besonders am Herzen liegt.“ Was einigermaßen schwierig ist… 

Das Buch, das du in deinem letzten Brief beschreibst, kenne ich noch nicht, es klingt aber wirklich vielversprechend.

Ich habe wohl auch deshalb nichts mehr von Vanderbeke gelesen, weil ich ihre Bücher gerade mit Anfang 30 so gut fand und schon festgestellt habe, dass ich meine Lieblingsromane aus dieser Zeit heute teilweise enttäuschend finde. Ganz ehrlich, wenn ich an unsere Treffen damals denke, unsere Begeisterung für Ally McBeal und Sex and the City, dann traue ich meinem damaligen Geschmack nicht mehr so ganz über den Weg… Aber lustig war’s. 

Jetzt habe ich mir einen Roman noch einmal vorgeknöpft, weil ich es wissen wollte: Kann man sich auf meine früheren Urteile noch verlassen? Denn diesen Roman habe ich vor einem Jahrzehnt wirklich geliebt: Die Herrenausstatterin von Mariana Leky. Offensichtlich habe ich den in dieser kurzen Phase gelesen, als wir uns mal für ein, zwei Jahre aus den Augen verloren hatten. (Aber echt, Uli, wie konntest du damals auch nur nach Bielefeld ziehen? Ich habe dich ja wirklich überall besucht, am Chiemsee und in China, aber Bielefeld…!) Auf alle Fälle bin ich sicher, dass dieses Buch damals auch genau deinen Geschmack getroffen hätte. Fragt sich nur, ob das auch heute noch so ist?

Es geht um eine junge Frau, die sich in den Zahnarzt verliebt, bei dem sie notfallmäßig landet und den sie schließlich heiratet. Klingt so zusammengefasst nach kitschigem Arztroman. Ist aber eine der skurrilsten und liebenswertesten Geschichten, die ich jemals gelesen habe. Schon der Heiratsantrag wird dich überzeugen: Bei einem Waldspaziergang in der absoluten Finsternis, bei dem man nur die Umrisse des anderen erkennen kann, fasst sich die junge Frau, Katja, ein Herz und fragt Jakob, ob er mit ihr zusammenwohnen wolle, „damit nicht irgendwann, wenn alles zu spät wäre, herauskäme, dass man sich doch immer dasselbe gewünscht hatte, damit nicht Jakob, wenn er ein Greis wäre und auf dem Sterbebett läge, sagen würde, er habe zeit seines Lebens darunter gelitten, dass wir nie zusammen gewohnt hätten.“ (S.15). Und die Reaktion fällt so aus: „…Jakob lachte, legte den Arm um mich und sagte: ‚Gott bewahre.‘ Dann blieb er stehen und räusperte sich. ‚Aber ich kann dir ersatzweise anbieten, dass wir heiraten.‘“(S.15).

Die beiden heiraten, leben aber weiter getrennt, Jakob lernt eine andere Frau kennen, verlässt Katja und stirbt kurz darauf bei einem Unfall. Dieser doppelte Verlust zieht Katja den Boden unter den Füßen weg und sie muss sich zwingen, nicht „hinterherzusterben“. Die Welt verschwimmt immer mehr vor ihren Augen und als eines Abends in einem ihrer verzweifeltsten Momente plötzlich der Geist eines ehemaligen Nachbarn, ein Altphilologe, in ihrem Badezimmer sitzt, erschrickt man als Leser durchaus und fürchtet, dass das Ganze jetzt ins Esoterisch-Peinliche abdriftet. Tut es nicht, was auch an Lekys entwaffnender Art zu erzählen liegt. Sie lässt ihre verzweifelte Protagonistin nie jammern oder klagen; nichtsdestotrotz fühlt man ihren Schmerz fast selbst, wenn die Ich-Erzählerin sagt: „Die Zeit hatte jetzt starke Rhythmusstörungen, sie ruckte nach vorne, tippelte auf der Stelle, mal blieb sie stehen, mal raste sie, und nicht selten tat sie alles zugleich.“ (S.61). Und die Gespräche mit Blank, dem toten Altphilologen (!), helfen Katja, nicht ganz aus der Wirklichkeit zu fallen: „Wenn Blank und ich fünf Minuten schweigend auf dem Sofa saßen, vergingen in den fünf Minuten manchmal zwei ganze Tage. Wenn ich beinahe sicher war, dass ich wieder eine Woche geschafft hatte, und zu Blank sagte: ‚Heute ist anscheinend verkaufsoffener Sonntag‘, sagte Blank: ‚Es ist, um genau zu sein, erst Mittwoch.‘“ (S.61).

Schließlich kommt noch ein aufdringlicher (real existierender) Feuerwehrmann und ein ausgedienter Karatefilmstar ins Spiel und es gibt sicher Leser, denen das irgendwann ein Zuviel des Extravaganten und Skurrilen ist. Leky aber bringt in diesem relativ kurzen Roman die Nöte und Gefühle ihrer Protagonisten so präzise auf den Punkt, dass man den Figuren immer Verständnis entgegenbringt. Auch die Toleranz und das Verständnis, mit dem die Figuren sich gegenseitig in all ihrer „Verrücktheit“ begegnen, sind bezaubernd. Das ist das Märchenhafte an dieser Geschichte. Und stellenweise ist das Buch extrem komisch.

Insgesamt also lohnt sich die Lektüre auch, wenn man nicht mehr ganz jung ist und keinen Liebeskummer hat.

Und was ich nebenbei noch entdeckt habe: Den Roman gibt es als Hörbuch und zwar gelesen von einer meiner Lieblingsschauspielerinnen: Sandra Hüller. Sie passt ganz hervorragend als Vorleserin und falls du den Film Toni Erdmann mit ihr in der Hauptrolle gesehen hast und er dir gefallen hat, wirst du auch „Die Herrenausstatterin“ mögen. Ähnliche Beobachtungsgabe, ähnlicher Humor. 

Ich glaube, den Film muss ich mal wieder anschauen. Ein bisschen Aufheiterung ist nie schlecht in diesen Zeiten.
Lass es dir gut gehen!
Liebe Grüße
Petra
 
 

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Infos zum Buch

Titel: Die Herrenausstatterin
Autorin: Mariana Leky
Verlag: DuMont Buchverlag 

Erschienen: 01.10.2010 

ISBN: 978-3-8321-8544-2 

Umfang: 208 Seiten

Preis: 11 Euro

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