Elena Ferrante: Meine geniale Freundin

Eine Prise Italien im tristen Corona-Alltag:


Liebe Petra, 

wir leben gerade wirklich in einer totalen Ausnahmesituation. Bisher ging es uns in Italien recht gut. Der italienische Weg, mit der 2. und 3. Welle umzugehen, war bis zu dieser Woche nicht ganz so rigoros wie der deutsche.

Italiens Gesundheitsminister, der treffenderweise Speranza (Hoffnung) heißt, veröffentlicht jeden Freitagabend, in welcher „Farbzone“ die einzelnen Regionen in der folgenden Woche sein würden. Man konnte rot (Lockdown), orange, gelb oder mit ganz viel Glück weiße Zone  sein, was einem fast normalen Leben entspricht, aber das hat bisher nur Sardinien geschafft. Wir waren lange Zeit gelbe Zone und ich war echt froh, dass wir nur kleinere Einschränkungen hatten. Man konnte sich einen Aperitiv in der Bar ums Eck gönnen, ein Mittagessen mit Freundinnen im Restaurant genießen oder einen Ausflug ins fast menschenleere Venedig machen. Alles, was uns bis vor einem Jahr ganz normal vorkam, wonach wir uns jetzt so sehr sehnen. Seit dieser Woche ist Venetien jetzt leider auch zona rossa und das soll wohl bis Ostern so bleiben. Im Moment nehmen es die Italiener noch relativ gelassen und ich hoffe, das bleibt so. Ich finde die Situation zwar auch total frustrierend, aber diese ganzen besserwissenden Querdenker haben doch auch keine Lösung. Ich persönlich weiß schon lange nicht mehr, welche Meinung ich habe, weil es doch zu allem ein Einerseits und dann wieder ein Andererseits gibt. Nehmen wir das Beispiel Schule. Schüler in der Oberstufe wie C. durften in Italien seit etwa November nur 50 bis 70 Prozent des Unterrichts im Präsenzunterricht absolvieren, solange die Region als gelb oder orange eingestuft war. Als ich dann erfuhr, dass C. jetzt komplett den Unterricht online machen muss, war ich natürlich genervt. Denn natürlich brauchen Kinder Präsenzunterricht und vor allem soziale Kontakte. Einerseits.

Andererseits haben wir vorgestern erfahren, dass zum zweiten Mal ein Mitschüler an Covid19 erkrankt ist – also muss C. jetzt zum zweiten Mal in Quarantäne. Wie man es dreht und wendet, es ist echt schwer, eine gute Lösung zu finden.

Und deshalb muss man gerade in Zeiten wie diesen, umso mehr auch einfach einmal abschalten und in andere Welten tauchen. Zum Beispiel ins Neapel der 50er-Jahre. 

Und da sind wir schon bei meiner Buchempfehlung. Genau genommen empfehle ich dir heute nicht ein Buch, sondern die wunderbare Hörspielfassung des Bayrischen Rundfunks von Elena Ferrantes Roman Meine geniale Freundin. Das habe ich doch schon gelesen, wirst du dir jetzt denken. Ich hatte es mir auch vor längerer Zeit schon auf Italienisch besorgt, um meine Sprachkenntnisse wieder aufzufrischen, als wir uns entschieden hatten, von China nach Italien zu ziehen. Damals war mein Italienisch wohl noch etwas eingerostet, so dass ich das Buch zwar gut fand, aber den Hype nicht so ganz verstanden habe.

Die Hörspielfassung der Geschichte über die Freundschaft von Lila und Lenú im Neapel der 50er hat mich dagegen von Anfang an begeistert. Gut, ich muss gestehen, wenn weibliche Heldinnen es schaffen, die Grenzen ihres Milieus zu überwinden, gefällt mir das im Allgemeinen. Obwohl das in diesem Roman ja nicht so ganz klappt. Beide Mädchen wachsen in einem Armenviertel von Neapel in einfachsten Verhältnissen auf. Die Menschen dort haben eine derbe Sprache und ebenso derbe Verhaltensweisen. Eine Silvesterfeier kann schon einmal mit einer Schießerei enden. Und zwischen den Zeilen vermutet man auch immer wieder die Camorra. Beide Mädchen passen nicht so recht in dieses Viertel. Sie sind intelligenter und wissbegieriger als der Rest ihrer Familie, der Rest des ganzen rione. Die Freundschaft der selbstbewussten, fast schon draufgängerischen Lila und der eher schüchternen Lenù bleibt auch zeit ihres Lebens von dem Wettstreit geprägt, wer die Bessere ist. Lenù, aus deren Sicht die Geschichte erzählt wird, schafft es, sich gegen die Widerstände in ihrer Familie gegen eine höhere Schulbildung durchzusetzen. Sie besucht zunächst die scuola media und darf dann sogar auf die superiore gehen. Dieses Glück hat Lila leider nicht. Ihr Vater, der Patriarch der Familie, lässt sich nicht davon überzeugen, dass ein Mädchen eine höhere Schulbildung braucht und ihre Zeit mit Lesen und Lernen verschwenden sollte. Doch auch wenn er ihr verweigert, an eine weiterführende Schule zu gehen, schafft er es nicht, Lila vom Lesen und Lernen abzuhalten. Sie eignet sich selbst an, was ihr interessant erscheint, und versucht, innerhalb des vom Vater gesteckten Rahmens im Leben voranzukommen. Der erste Band dieser inzwischen vier Bände umfassenden Saga endet mit Lilas Hochzeit und einem ganz großen Knall.

Die Hörspielfassung versteht es mit hervorragenden Sprechern und gelungenen Hintergrundgeräuschen, die Atmosphäre eines Neapels der 50er-Jahre, den italienischen Flair sehr realistisch einzufangen. Ich hatte fast das Gefühl selbst im rione zu sein und den Streitereien der Menschen live zu lauschen. 

Wenn du also in unserem tristen Corona-Alltag mal wieder eine Prise Italien brauchst, lege ich dir dieses Hörspiel wirklich ans Herz. 

Ich habe mir gleich, nachdem ich es zu Ende gehört hatte, den zweiten Band Die Geschichte eines neuen Namens, der schon eine Weile unberührt in meinem Bücherregal stand, herausgezogen, um weiter in ein Neapel vergangener Zeiten einzutauchen.

Fühl dich von mir umarmt!

Deine Uli

(zur Zeit noch umsonst als Podcast vom Bayrischen Rundfunk zu hören, Stand 18.02.2021):

*AFFILIATE LINK. Über den Link oben kannst du das Buch gerne bestellen. Wir bekommen dann eine kleine Provision, dir entstehen dadurch aber keinerlei Mehrkosten.

Infos zum Hörspiel 

Titel: Meine geniale Freundin – Das Hörspiel
Autorin: Elena Ferrante
Originalverlag: Suhrkamp

Hörbuch: 4 CDs, Laufzeit ca. 3h 27 min

Erschienen: 23. November 2020 

ISBN-13: 9783844540710

Preis: 22 Euro

Infos zum Buch 

Titel: Meine geniale Freundin – Das Hörspiel
Autorin: Elena Ferrante
Übersetzerin: Karin Krieger
Verlag: Suhrkamp Verlag

Erschienen: 04.09.2018 (5. Edition)

ISBN-13: 9783518469309

Preis: 11 Euro

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