Jurek Becker: Jakob der Lügner

Held wider Willen:

Liebe Uli,

das gibt’s doch gar nicht! Habe gerade, wie du mir empfohlen hast, die Bielefeld-Verschwörung gegoogelt und kann kaum glauben, was man dazu alles findet. Wobei die Entstehungsgeschichte ja sehr lustig ist und eigentlich Verschwörungstheorien ad absurdum führen sollte. Über diese kann ich tatsächlich nicht immer lachen:

Ein Schulmassaker in Florida soll inszeniert worden sein, um verschärfte Waffengesetze durchsetzen zu können? Eltern der getöteten Schüler müssen jetzt den Tod ihrer Kinder beweisen?

Die Anschläge vom 11. September wurden nur fingiert und es flogen gar keine Flugzeuge in die Zwillingstürme? Interessant. Denn ich saß stundenlang vor dem Fernseher und habe den Einsturz des zweiten Turmes quasi live miterlebt. Gefälschte Fernsehbilder im Zeitalter der Handykamera…? Anhänger dieser Mythen haben sicher auch dafür eine Erklärung.

Klar ist kritisches Hinterfragen immer gut und natürlich sind Regierungen und Politiker nicht immer vertrauenswürdig und ehrlich. Was man momentan leider bei der Beschaffung der Masken sehen kann. Und natürlich nerven viele Corona-Maßnahmen und manches fand und finde ich auch nicht in Ordnung. Einiges zur Kritik an der Corona-Politik habe ich mir im Netz angeschaut. Man kann ja nicht von anderen fordern, sich aus ihrer gedanklichen Blase zu bewegen, wenn man es selbst nicht tut. Und ich muss ehrlich sagen: Manches ist vielleicht richtig, aber insgesamt hat mich das verquere Gedenke nicht überzeugt. Ich hatte den Eindruck, dass die Sprecher so damit beschäftigt waren, die verschiedensten Erwartungen der Zielgruppen zu erfüllen und sich selbst zu vermarkten, dass eigentlich nirgends ein brauchbarer Lösungsansatz dabei war.

Viele Verschwörungstheorien kann man belächeln. Wo mein Humor aber aufhört: Wenn sich 22jährige Organisatorinnen von Querdenkerveranstaltungen in der Tradition der Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus sehen und sich mit Sophie Scholl vergleichen. Autsch! Was hilft gegen diese Art der Selbstüberschätzung? Die Schriftstellerin Fran Lebowitz sagt: “Think before you speak. Read before you think.“ Lesen ist ein guter Tipp. Am besten Geschichten. Vielleicht ist es das Tolle an Geschichten, Erzählungen, Romanen, dass man durch den Einblick in verschiedene Schicksale und Sichtweisen am Ende sich selbst nicht mehr ganz so wichtig nimmt.

Heute möchte ich dir einen meiner Lieblingsautoren ans Herz legen: Jurek Becker. In der 10. Klasse in Deutsch begegnete er mir erstmals mit seinem Roman Jakob der Lügner. Der Deutschlehrer war schrecklich und meine Motivation gering. Das Buch fesselte mich trotzdem schon damals und auch später im Studium habe ich mich immer wieder mit diesem Autor beschäftigt. 

Der Roman handelt von einem jüdischen Ghetto im 2. Weltkrieg, in dem der Bewohner Jakob zufällig auf dem Revier der Deutschen die Radiomeldung hört, dass die russische Armee nur noch einige hundert Kilometer entfernt kämpft. Um einem Freund Hoffnung zu geben, erzählt er ihm von dieser Meldung und erfindet als Quelle ein verstecktes Radio. Dies verbreitet sich im Ghetto wie ein Lauffeuer. Alle suchen fortan Jakobs Nähe, denn jeder will wissen, wie die Befreier vorankommen und was es an Neuigkeiten gibt. Durch Jakobs unfreiwillige Lügengeschichten verändert sich das Leben im Ghetto: Junge Leute planen Hochzeiten, die Älteren denken darüber nach, wie sie ihr Leben nach der Befreiung gestalten und die zuvor hohe Selbstmordrate sinkt auf Null. Bisweilen lastet die Verantwortung, immer neue hoffnungsvolle Meldungen zu erfinden, schwer auf Jakob. Dass es keine Alternative zu seinen Lügengeschichten mehr geben kann, muss er jedoch schmerzlich erfahren, als er einem guten Freund die Wahrheit anvertraut. 

Ein geschickter Schachzug bei der Erzählperspektive ist meiner Meinung nach, dass ein Überlebender des Ghettos und ein Freund der Hauptfigur Jakob nach dem Krieg diese Geschichte als Ich-Erzähler wiedergibt. Dieser Erzähler spielt oft mit seiner Rolle, indem er immer wieder zugibt, wo er etwas hinzuerfunden hat. Gleichzeitig erklärt er dem Leser sehr glaubhaft in Situationen, die sich eigentlich seiner Kenntnis entziehen müssten, warum er das so genau weiß.

Der Roman ist unaufgeregt und humorvoll erzählt. Diesen ironischen Ton habe Jurek Becker bewusst gewählt, um eine Abwehrhaltung diesem ernsten und schwierigen Thema gegenüber aufzulösen. Dennoch – oder gerade deshalb – werden auch die Grausamkeiten deutlich. Als jüdische Arbeiter einen Stromausfall beheben sollen und dies nicht schaffen, werden sie kurzerhand erschossen. Der Autor Jurek Becker weiß, wovon er spricht, und auch das macht das Buch so überzeugend. Zusammen mit seinen Eltern kommt er als Kind in ein polnisches Ghetto. Die Mutter verhungert, vom Vater wird er getrennt, findet ihn aber nach dem Krieg wieder. Da sind aus der vorher sehr großen Familie nur noch er, der Vater und eine Tante übrig. 

Es gibt übrigens zwei Verfilmungen: eine aus dem Jahr 1974, eine DDR Verfilmung (der einzige DDR-Film, der jemals für einen Oscar nominiert war), und eine aus dem Jahr 1999 mit Robin Williams in der Hauptrolle. Jüngeren wird diese eher zusagen, weil alles so amerikanisch geglättet und dramatisiert ist. Robin Williams, den ich sehr mag, kommt mir jedoch viel zu heroisch rüber. Jakob ist kein Held, er wird unfreiwillig in diese Rolle geschubst. Ich bevorzuge die alte Version.

Habe ich dir eigentlich mal erzählt, dass ich im Studium einen Brief an Jurek Becker geschrieben und ihn gebeten habe, einen Aufsatz, den ich zu einem seiner anderen Werke verfasst habe, zu kommentieren? Im Nachhinein ist mir das wirklich peinlich. Er hat mir sehr freundlich geantwortet und erklärt, dass er nie Aufsätze und Arbeiten zu seinen Büchern liest, weil ihn das komplett verwirren würde. Dann hat er mir alles Gute für meinen gewiss nicht leichten Weg gewünscht. 

Ich wünsche dir eine schöne Woche und freue mich auf deinen nächsten Brief. 

Es grüßt und umarmt dich deine Freundin 

Petra

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Infos zum Buch

Titel: Jakob der Lügner
Autor: Jurek Becker
Verlag: Suhrkamp Verlag

Erschienen: 1969 (Aufbau Verlag)

ISBN-13: 978-3518398494

Umfang: 320 Seiten

Preis: 9 Euro 

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