Laetitia Colombani: Der Zopf

Verflochtene Lebenswege:

Liebe Uli,

ich muss immer wieder feststellen: Ich habe das Lesen verlernt! Dieses stundenlange Versinken in einem Buch, ohne auf die Uhr zu schauen, ohne zu merken, wo man sich wirklich befindet, das bekomme ich nicht mehr hin. Es wäre jetzt zu einfach zu sagen, die Kinder sind schuld. Es begann zwar, als die Kinder kamen. Ich kann mich erinnern, dass ich damals in allen Mutter-Kind-Gruppen als größte Veränderung angab: Ich komme nicht mehr genug zum Lesen. Heute jedoch können die Kinder nicht mehr als Grund herhalten, denn sie sind ja glücklich, wenn man sie nicht beachtet und sich der Kontakt auf das Nötigste beschränkt. Also: Was gibt es zu essen? Ist mein schwarzes T-shirt gewaschen? Du musst noch den Brief von der Schule unterschreiben. Einen der Sätze, die ich im Moment am häufigsten von den beiden Jungs zu hören kriege, ist ungelogen: Lass mich in Ruhe!

Warum bekomme ich es also nicht mehr hin? Kann man Muße verlernen? Gar nicht auszudenken, wie viele gute Bücher man dadurch versäumt. Umso froher bin ich über unseren Briefwechsel, zwingt er uns doch, das zu tun, was wir am liebsten machen… stundenlang lesen!

Tatsächlich habe ich Meine geniale Freundin von Elena Ferrante schon vor einer Weile gelesen. Und mir ging es danach wie dir: Der zweite Band Die Geschichte eines neuen Namens steht seither unberührt in meinem Regal… Über die Gründe kann man nur spekulieren. Das Hörspiel, das du mir empfohlen hast, habe ich bereits heruntergeladen und freue mich schon darauf. 

Denn Hörbücher sind seit vielen Jahren eine wunderbare Möglichkeit ohne Mußestunden doch noch ein wenig Literatur abzubekommen. Schon im Studium verbrachte ich lange Autofahrten alleine mit Borcherts Drama Draußen vor der Tür, auf Spaziergänge mit Kinderwagen hat mich Irmgard Keuns Das kunstseidene Mädchen begleitet und lästige Bügel- und sonstige Hausarbeit geht leichter mit Mario Giordanos Tante Poldi oder den Krimis von Ursula Poznanski.

Und auch auf Autofahrten mit den Kindern haben wir unzählige Geschichten und Romane angehört. Am lustigsten fand ich einen Italienurlaub, bei welchem wir dem Roman Eine Billion Dollar von Andreas Eschbach lauschten. Das war teilweise so spannend, dass wir gar nicht mehr am Ziel ankommen wollten und entweder noch eine Extrarunde mit dem Auto fuhren oder noch eine Weile sitzen blieben… 

Ich denke, einige der oben genannten Bücher werde ich dir irgendwann mal hier vorstellen. Jetzt aber geht es nach Indien, Italien und Kanada und zu dem im letzten Jahr erschienenen Roman Der Zopf von der Französin Laetitia Colombani. 

Das Buch besteht aus drei Erzählsträngen, die jeweils von einer Frau in Indien, Italien und Kanada handeln. Man muss kein Hellseher sein, um gleich zu wissen, dass diese Stränge am Schluss wie bei einem Zopf ineinander verflochten werden. Zu Beginn scheinen die Frauen nichts miteinander zu tun zu haben. Da ist Smita aus Indien, Giulia aus Sizilien und Sarah aus Kanada. 

Smita gehört zur Kaste der Unberührbaren und verdient ihren Lebensunterhalt mit dem Einsammeln von Exkrementen aus den Toiletten (ohne Kanalisation) der Reichen. Ihr Mann ist Rattenfänger und da er die gefangenen Tiere teilweise behalten darf, trägt er so dazu bei, dass die Familie ab und an Fleisch zu essen bekommt. Tochter Lalita ist sechs Jahre alt und Smita will um alles in der Welt verhindern, dass dieser das gleiche Schicksal wie ihr zuteil wird, weshalb sie versucht, ihre Tochter in der Grundschule unterzubringen. Wie diese Frau für ein besseres Leben ihrer Tochter kämpft, ist beklemmend und eindrucksvoll zugleich. 

Giulia geht es ungleich besser, sie arbeitet in der traditionsreichen Perückenmanufaktur ihres Vaters, die seit Generationen besteht und deren ganzer Stolz es ist, alle Rohstoffe aus Italien zu beziehen. Als der Vater nach einem Verkehrsunfall ins Koma fällt und Giulia herausfindet, dass das Unternehmen kurz vor der Insolvenz steht, bekommt auch ihr Leben Risse. Mit großer Energie versucht sie nun, alles, was ihr Vater aufgebaut hat, zu retten.

Sarah ist eine sehr erfolgreiche Anwältin und Teilhaberin einer renommierten Kanzlei. Sie hat beruflich erreicht, was sie wollte, und kein Opfer war ihr dabei jemals zu groß. Nebenbei hat sie noch drei Kinder von zwei Männern, von denen sie aber getrennt lebt. Alles scheint perfekt zu laufen, doch als Sarah schwer erkrankt, gerät ihr Leben ins Schlingern und sie landet schneller auf dem beruflichen Abstellgleis, als sie sich jemals vorstellen konnte. 

Das alles umfassende Thema ist die Würde des Menschen und der Roman regt hier durchaus zum Nachdenken an. Alle drei Frauen werden mehr oder weniger stark durch gesellschaftliche Normen begrenzt und durchbrechen diese ein Stück. Die Geschichte von Smita hätte ich gerne noch weiterverfolgt, denn sie ist nicht nur die erschütterndste, sondern sicherlich die interessanteste. Wir sind zwar beide schon viel in der Welt herumgereist, aber Indien haben wir bisher ausgelassen. Als ich dieses Buch gelesen habe, wurde mir wieder deutlich, wie wenig Menschenleben und vor allem die Leben von Mädchen und Frauen dort wert sind.

Das Buch ist insgesamt sehr fesselnd, weil die Geschichten der Frauen immer abwechselnd in kurzen Passagen erzählt werden – wie man eben einen Zopf flicht – und dadurch die Spannung immer mehr an Fahrt aufnimmt. Der Roman liest sich sehr schnell und leicht, weil die Sprache einfach und schnörkellos ist, aber er ist nie trivial. Mit den Figuren kann man sich allerdings nicht identifizieren, weil diese relativ neutral von außen beschrieben und betrachtet werden. Ist eventuell auch so gewollt. 

Ich wünsche dir eine gute Reise und viele Mußestunden!

Petra

*AFFILIATE LINK. Über den Link oben kannst du das Buch gerne bestellen. Wir bekommen dann eine kleine Provision, dir entstehen dadurch aber keinerlei Mehrkosten.

Infos zum Buch 

Titel: Der Zopf (La Tresse)
Autor: Laetitia Colombani
Übersetzung: Claudia Marquardt
Verlag: Fischer Taschenbuch Verlag

Erschienen: 27.03.2019 

ISBN: 978-3-596-70185-8 

Umfang: 288 Seiten

Preis: 11 Euro 

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