George Saunders: Fuchs 8

Keine moderne Fabel:

Liebe Petra, 

unglaublich! Ich weiß ja, dass wir uns in vielem sehr ähneln. Aber dass sogar unser Leseverhalten über die Jahre ähnlich geblieben ist, hätte ich mir nicht gedacht.

Deshalb finde ich es so wunderbar, dass dank unseres Blogprojekts meine Nase inzwischen wieder unentwegt in einem Buch steckt. Zum einen, weil ich immer auf der Suche nach einer neuen Empfehlung für dich bin, zum anderen, weil ich die Bücher, die du mir vorstellst, alle lesen möchte. 

Der Zopf ist schon auf meinem E-reader und ich bin schon mitten in der Lektüre. (Ich weiß, die Puristen unter den Lesern werden jetzt die Nase rümpfen, aber wenn man im Ausland lebt, ist so ein E-reader schon eine feine Sache, um an deutschsprachige Bücher zu kommen.)

Die Geschichte über die Inderin Smita ist besonders eindringlich erzählt und macht nachdenklich, da gebe ich dir recht. Aber sag mal, ist dir aufgefallen, dass das eigentlich die gängige Darstellung von Indien in Romanen westlicher Autoren ist. Ich musste bei der Lektüre an einen TED Talk der nigerianischen Autorin Chimananda Ngozi Adichie denken, den du dir unbedingt ansehen solltest: The danger of a single storySie spricht davon, dass wir oft dazu neigen, nur eine Geschichte, einen Teilaspekt zu kennen und diesen mit dem Ganzen gleichsetzen. Im Speziellen bezieht sie sich in ihrem TED Talk auf Afrika, wo es natürlich Armut und Unruhen gibt, aber eben nicht nur. Im Westen nehmen wir jedoch nur diese Seite wahr, vermutlich weil wir diese mehrheitlich erzählt und gezeigt bekommen. Ich finde, das trifft auch auf Indien zu. In Europa erfahren wir hauptsächlich von der bitteren Armut und den schlechten Lebensverhältnissen, in denen dort besonders die Dalit leben. Und es ist vollkommen richtig und notwendig, darüber zu berichten, in der Hoffnung, dass sich dadurch etwas ändern kann. Aber dennoch sollte man auch die anderen Geschichten eines so großen Landes wie Indien nicht vernachlässigen. Klar, wir haben bei Indien noch die fantastische Architektur und Kultur des Landes im Kopf. Vielleicht denkt der eine oder andere noch an Yoga. Aber darüber hinaus? Bei Giulias Geschichte in Palermo war mir an jeder Stelle bewusst, dass dies nur eine Seite Italiens ist. Und auch zu Kanada habe ich viel mehr Geschichten, so dass ich das Land nicht auf diese eine reduziere. Eines meiner Projekte für die kommenden Wochen wird auf jeden Fall sein, Buchläden nach Romanen über Indien zu durchforsten, um meinem Bild von diesem Land auch noch andere Geschichten hinzufügen zu können. 

Nun ein nicht ganz so gleitender Übergang zu meiner heutigen Buchempfehlung. Das Buch, das ich dir vorstelle, halte ich für ein absolutes Must-Read. Es wurde mir von meiner Freundin Silke empfohlen, und da diese, obwohl Deutschlehrerin, mir für gewöhnlich keine Buchempfehlungen ausspricht, war ich mir sicher, dass es sich bei Fuchs 8 von George Saunders um eine besondere Geschichte handeln muss. Das Büchlein ist schnell gelesen, es ist eher eine lange Kurzgeschichte als ein Roman. Man braucht nicht einmal eine Stunde für die Lektüre. Der Inhalt ist rührend, herzergreifend und macht tief traurig, obwohl alles recht naiv aus der Sicht von Fuchs 8 erzählt wird.

Ein Fuchs, der spricht, eine moderne Fabel, also, wirst du denken. Nicht ganz. Klar, Fuchs 8 kann sprechen und lesen. Das hat er sich angeeignet, als er Abend für Abend am Fenster eines Mänschenhauses saß und den Gutenachtgeschichten lauschte. Aber Fuchs 8 ist anders als seine Artgenossen bei Aesop und Co. so gar nicht hinterlistig, im Gegenteil, er ist ein Träumer, ein Optimist, der in allem nur das Gute sehen möchte. Und so räumt er gleich zu Beginn seiner Erzählung mit der Vorstellung vom bösen Fuchs auf:

„Wir legen keine Hüner rein! Wir sind ser offen und erlich mit Hünern! Mit Hünern haben wir einen super fären Dil, der getso: Si machen di Aja, wir nehmen di Aja, si machen noie Aja. Und manchma essen wir sogar ein leemdes Hun, falls dises Huhn seine Zustimmung zeigt, von uns gegessen zu werden, indem es nichwegloift, wenn wir neer komm, nachdem es damit beschäftikt war, in ein Baumstumpf nach Futter zu suchen.“

Wie du siehst, kann man beim Anhören von Gutenachtgeschichten schon ziemlich gut Mänschisch, im Original heißt das übrigens Yuman, lernen. 

Als sein bester Freund Fuchs 7 diese außergewöhnliche Begabung bemerkt, ist er der Meinung, dass diese Gabe so besonders ist, dass man sie keinesfalls der Fuchsgruppe und ihrem Anführer vorenthalten darf. 

Diese sind äußerst beeindruckt, dass Fuchs 8 die Sprache der Yumans beherrscht. Und sie lassen ihn auch gleich seine Fähigkeiten unter Beweis stellen und führen ihn zu einem Schild am Waldrand, das dort neuerdings aufgestellt ist. Doch leider können die Füchse sich keinen Reim darauf machen, welche Auswirkungen die Ankunft von FoxViewCommons für sie haben wird. Es passiert, was man als Leser bereits befürchtet. Der Wald wird gerodet und den Tieren im Wald wird ihre Lebensgrundlage genommen. Fuchs 8 glaubt jedoch weiterhin unverzagt an das Gute und möchte sich mit Fuchsgruppe auf den Weg zur Mawl machen, um dort im Fud Cort zu schauen, was es an Essbarem gibt. Die anderen halten ihn deshalb für einen Spinner und beschließen, lieber erst einmal gar nichts zu tun und abzuwarten. Nur sein Kumpel Fuchs 7 steht ihm bei seiner Expedition zu Mall bei, denn: „What are frends for“? Leider geschehen im Laufe der Geschichte noch Dinge, die es selbst Fuchs 8 schwer machen, seinen Optimismus nicht zu verlieren. Und so endet der Brief von Fuchs 8 auch nicht wie in einer Fabel mit einer Moral, sondern mit einem dringenden Appell an uns Menschen. 

Fuchs 8 ist ein Buch, das man wunderbar im Original lesen kann, wobei ich es am Anfang laut lesen musste, um mich an die ungewöhnliche Orthografie zu gewöhnen. Aber auch die deutsche Übersetzung ist unbedingt empfehlenswert. Hier hat der Übersetzer Frank Heibert wirklich hervorragende Arbeit geleistet. 

Ich bin schon gespannt, wie du dieses doch etwas ungewöhnliche Büchlein finden wirst.

Eine ganz dicke Umarmung sendet dir 

Uli

*AFFILIATE LINK. Über den Link oben kannst du das Buch gerne bestellen. Wir bekommen dann eine kleine Provision, dir entstehen dadurch aber keinerlei Mehrkosten.

Infos zum Buch 

Titel: Fuchs 8 (Fox 8)
Autor: George Saunders
Übersetzung: Frank Heibert
Verlag: Luchterhand Literaturverlag

Erschienen: 28.10.2019

ISBN: 978-3630876207

Preis: 16,98 Euro 

Infos zum Buch (Englische Ausgabe) 

Titel: Fox 8
Autor: George Saunders
Verlag: Random House

Erschienen: 13.11.2018

Umfang: 64 Seiten

ISBN: 978-1984818027

Preis: 9,48 $ 

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