Chimamanda Ngozi Adichie: Blauer Hibiskus

Bröckelnde Fassaden:

Liebe Petra, 

Kind Nr. 95 ist wirklich ein ganz besonderes Buch. Als ich es vor einiger Zeit gelesen habe, war mir aufgefallen, wie unglaublich wenig ich von Afrika weiß, aber auch von der DDR, was fast schon erschreckend ist. Schließlich ist die Autorin Lucia Engombe ungefähr so alt wie wir und in unserer Schulzeit haben wir doch so einiges über die DDR gelernt, damals in der Zeit des Kalten Krieges. Zur DDR hatten wir sicherlich mehr als EINE Geschichte, aber wohl noch immer nicht genug. 

Ich freue mich übrigens sehr, dass du meine Begeisterung für die Autorin Chimamanda Ngozi Adichie teilst, und deshalb möchte ich dir heute ihren Roman Blauer Hibiskus empfehlen. Beeindruckt von der Rede The danger of a single story war ich natürlich gespannt, welche weiteren Geschichten ich durch die Lektüre der Romane Adichies meinen Geschichten von Nigeria hinzufügen würde. Von meinen Geschichten zu sprechen ist in diesem Fall schon fast etwas großspurig. Was Nigeria und den Rest von Afrika betrifft, ist für mich eigentlich jede Geschichte eine neue. Aber es ist ja zum Glück nie zu spät, Wissenslücken zu füllen, und wenn wir im Moment auch nicht reisen können, so ist ein guter Roman auf jeden Fall schon mal ein perfekter Anfang.

Die Geschichte wird aus der Sicht der 15-jährigen Ich-Erzählerin Kambili erzählt. Sie wächst scheinbar behütet in einer sehr wohlhabenden nigerianischen Familie auf. Zu Hause spricht man Englisch, die Amtssprache Nigerias, ist aber auch mit der Nationalsprache Igbo vertraut. Kambilis Vater Eugene ist Verleger einer einflussreichen Zeitung. Er ist ein gottesfürchtiger, gläubiger Katholik und vehementer Verfechter der Demokratie im Lande. Seinen Reichtum nutzt er, wie es sich für einen guten Christen gehört, um Bedürftige und die Kirche zu unterstützen. Moralische Instanz sind für ihn die Bibel, die katholische Kirche und der irische Missionar und Gemeindepfarrer. Politisch bleibt er seinen Ansichten auch während eines Militärputsches treu und sorgt dafür, dass seine Zeitung weiterhin die Wahrheit verbreitet.

Kein Wunder also, dass diesem aufrechten Mann von Familie und Freunden große Bewunderung entgegengebracht wird und er sogar für einen Friedenspreis im Gespräch ist.

 Doch das alles ist nur Fassade und diese beginnt –  zumindest für uns Leser – gleich zu Beginn des Romans zu bröckeln. Kambili berichtet, wie ihr älterer Bruder Jaja die heilige Kommunion im Sonntagsgottesdienst verweigert. Nicht weiter weltbewegend möchte man meinen, eine jugendliche Trotzreaktion. Leider nicht in dieser Familie. Der nach außen hin so anständige und allseits bewunderte Vater ist ein religiöser Eiferer, ein Patriarch, der seine Familie physisch und psychisch tyrannisiert. Und Jajas kleine „Verfehlung“ wird weitreichende Folgen haben. Insgesamt ist das ganze Leben der Kinder von einem strikten Tagesplan des Vaters reglementiert, der sich zwischen Schule, Lernen und Kirche abspielt. Das zweitbeste Zeugnis der Klasse zu erhalten, ist in dieser Familie kein Grund zur Freude, sondern wird vom Vater mit drastischen Maßnahmen sanktioniert. Sowohl Mutter als auch Kinder versuchen ständig alles, um beim Vater nicht in Ungnade zu fallen, und gleichzeitig rechtfertigen sie sein Verhalten, da er ja alles zu ihrem besten macht, ganz im Sinne des Wortes Gottes. 

Eine willkommene Abwechslung ist der alljährliche Besuch der Familie auf dem Land in Nsukka, wo der Vater aufgewachsen ist. Auch hier zeigt dieser sich als Gönner und beschenkt die armen Dorfbewohner großzügig. Natürlich nur diejenigen, die zum rechten Glauben gefunden haben und nicht mehr irgendwelchen Naturreligionen anhängen. Diese dürfen nicht einmal das Grundstück der Familie betreten, um es nicht zu beschmutzen. Auch seinen eigenen Vater, Papa Nkwusu nimmt er davon nicht aus, im Gegenteil, er verweigert seit Jahren jeglichen Kontakt zu diesem. Jaja und Kambili dürfen ihren Großvater gerade einmal im Jahr für eine Viertelstunde besuchen, aber nur unter der Voraussetzung, keine Speisen und Getränke im Hause dieses Heiden zu sich zu nehmen.

Auf dem Land lernen wir auch Tante Ifeoma kennen, die Schwester von Kambilis Vater. Die verwitwete Universitätsprofessorin ist ganz anders als ihr Bruder. Sie ist ein herzensguter Mensch im wahrsten Sinne des Wortes. Auch konvertiert, aber nicht bigott. Da ihr Mann früh verstorben ist, hat ihre Familie nur wenig Geld, aber ihre Kinder wachsen behütet in einem fröhlichen Haushalt auf, in dem jede Meinung zählt. Sie ist die Einzige, die sich von ihrem Bruder nicht einschüchtern lässt und ihn sogar etwas beeinflussen kann. Und so schafft sie es, diesen davon zu überzeugen, dass Jaja und Kambili ein paar Tage bei ihr verbringen dürfen. Dieser Aufenthalt wird das Leben von Kambili und Jaja verändern. Ganz langsam erkennen sie die Kluft zwischen dem, was ihr Vater predigt und seinem Verhalten. 

Die Begegnung mit der Tante und ihren Kindern zeigt Kambili und Jaja zum ersten Mal, dass das Leben, das sie kennen, nicht die einzige Möglichkeit ist, ein Leben zu führen, und schon gar nicht die richtige: 

„Mit Nsukka hatte alles angefangen. In Tante Ifeomas kleinem Garten vor der Veranda ihrer Wohnung in Nsukka war das Schweigen langsam gelüftet worden. Plötzlich schien mir, als sei Jajas Trotz wie Tante Ifeomas besondere Züchtung von Blauem Hibiskus: selten, mit dem leisen Duft von Freiheit…“.

Wie du sicher schon vermutet hast, ist Chimamanda Ngozie Adichie nicht nur eine brillante Rednerin, sondern auch eine hervorragende Erzählerin. Ich konnte Blauer Hibiskus gar nicht aus den Händen legen. Während der Lektüre hofft man die ganze Zeit, dass die Konsequenzen, mit denen der gewalttätige Vater vermeintliche Vergehen ahndet, nicht ganz so drastisch sind und dass die Familie es vielleicht doch schafft, sich von diesem Tyrann zu lösen. 

Ich bin schon gespannt, nicht, ob du das Buch lieben wirst, sondern wie sehr. Ich hatte damals im Anschluss gleich Americana von der Autorin gelesen und wurde auch hier nicht enttäuscht. Aber ich glaube, nach der Lektüre von Blauer Hibuskus ist es gar nicht notwendig, noch weitere Romane der Autorin zu empfehlen, da man sowieso alles von ihr lesen möchte.

Eine dicke Umarmung aus Italien!

Deine Uli

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Infos zum Buch 

Titel: Blauer Hibiskus
Autorin: Chimamanda Ngozi Adichie
Übersetzerin: Judith Schwab
Verlag: Fischer Taschenbuch 

Erschienen: 23.07.2015

ISBN: 978-3596032440

Umfang: 336 Seiten

Preis: 12 Euro

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