Trevor Noah: Born a Crime

Weder schwarz noch weiß:

Liebe Uli,

mit all deinen Buchempfehlungen wird mir diesen Sommer auf alle Fälle nie langweilig werden…

Afrika ist ein faszinierender Kontinent und ich hätte bei unserer ersten Reise nach Namibia und Südafrika am liebsten ein geländegängiges Auto gekauft und das ganze Jahr, das wir zur Verfügung hatten, nur auf dem afrikanischen Kontinent verbracht. Damals hätte ich mir sogar vorstellen können, nach Südafrika auszuwandern. (Aber zugegeben, solche Gedanken kommen mir immer recht schnell.)  Wir verbrachten ja die meiste Zeit in der Nähe von Kapstadt. Die große, auch als Mother City bezeichnete Stadt, wurde 1652 als Versorgungsstation für die Handelsschiffe der niederländischen Ostindien-Kompanie gegründet. Zuerst waren wir überrascht, weil uns alles sehr westlich und wohlhabend vorkam. Wenn man länger bleibt und genauer hinschaut, merkt man schnell, dass das nur ein kleiner Teil der Wirklichkeit ist. Wir haben damals sehr viele Geschichten erlebt und gehört und diese zu erzählen, würde zu weit gehen. Deshalb nur kurz: Südafrikaner, die vorwiegend Afrikaans sprechend aufgewachsen sind, erzählen andere Geschichten als die eher Englisch sozialisierten. Deutsche, die lange dort leben, andere als Schwarze, die nach Südafrika ausgewandert sind und wieder andere als schwarze Südafrikaner, die im Township leben. Umso mehr Geschichten ich erfahren habe, umso größer wurde das Gefühl, dieses Land nicht zu verstehen. Allein die Anzahl der Nationalsprachen dieses Landes – es sind 11 ! – lässt die Vielschichtigkeit und Unübersichtlichkeit erahnen… 

Kapstadt vom Fuße des Tafelbergs
Kapstadt mit Tafelberg

Deshalb habe ich mir im Anschluss an die Reise ein Buch gekauft, von dem ich mir etwas Licht im Dunkel versprach. Und dieses möchte ich dir heute empfehlen, auch wenn du dir von mir ein Buch gewünscht hattest, das dich aufheitert… Hmm, ich gebe zu, eine autobiographische Geschichtensammlung mit dem Titel „Born a crime“ wirkt auf den ersten Blick nicht wie ein Stimmungsaufheller. Wer aber den Autor, Trevor Noah, als Gastgeber der Daily Show kennt, weiß, dass die Lektüre ihn auch zum Lachen bringen wird. Denn Trevor Noah kann auch eher tragischen Erlebnissen immer etwas Witziges abgewinnen. Gleich zu Beginn berichtet er zum Beispiel davon, wie seine Mutter ihn eines Tages im Alter von neun Jahren aus einem fahrenden Bus wirft und mit dem kleinen Bruder hinterher springt. Man erfährt im Anschluss die guten Gründe dafür und das Kapitel endet schließlich mit einem Lachanfall der beiden, weil Trevor einen Witz macht und weil sie ja schließlich überlebt haben. 

Traurig machen einen die Geschichten also nie, bisweilen jedoch wütend. Denn allen Episoden aus Trevors Leben werden oft geschichtliche Hintergründe vorangestellt und man erfährt einiges über Südafrika zur Zeit der Apartheid und danach. Und wann hat man schon einmal Gelegenheit, diese Geschichten von jemandem zu hören, der während der Rassentrennung als Sohn eines weißen Schweizers und einer schwarzen Mutter aus dem Volk der Xhosa in Johannesburg aufgewachsen ist? Und der deshalb weder mit seinem Vater noch mit seiner Mutter in der Öffentlichkeit gesehen werden darf. Denn der Immorality Act von 1927 verbot jegliche Verbindungen zwischen Europäern und „Natives“. Bei Zuwiderhandlung drohten einige Jahre Gefängnis. Und wie es in totalitären Systemen üblich ist, funktioniert das Denunzieren und es hätte immer jemanden gegeben, der angezeigt hätte, dass da ein Weißer mit einem Kind dunkler Hautfarbe oder eine Schwarze mit einem Kind hellerer Hautfarbe unterwegs ist. So verbringt Trevor die ersten Jahre im Township Soweto in einer Wellblechhütte mit Großmutter, Mutter, Tante und Cousins und darf nicht wie seine Cousins und Cousinen auf der Straße spielen. 

Trevor erlebt als Kind eine Welt, die von starken Frauen dominiert wird und in der er eine Sonderstellung einnimmt: Im Township ist er auf Grund seiner helleren Hautfarbe „der Weiße“ und wird, wenn er irgendetwas Schlimmes gemacht hat, niemals – wie seine Cousins und Cousinen – von der Großmutter verprügelt, weil sie erstens keine Weißen schlagen möchte und zweitens Angst davor hat, dass man bei ihm auf der Haut nach einer Tracht Prügel so seltsame Verfärbungen zu sehen bekommt. Sein Großvater, der bei seiner Zweitfamilie lebt, nennt Trevor „Mastah“ und möchte, dass er im Auto hinten sitzt, wie es sich für einen echten Master gehört. 

Township Khayelitsha vor Kapstadt
Im Township Langa bei Kapstadt

Das Buch trägt den Untertitel „Stories from a South African Childhood“ und ist nicht chronologisch erzählt, sondern beleuchtet mit lose verknüpften Anekdoten und Episoden aus Trevors Leben bestimmte Themen. Dabei erfährt man ganz nebenbei sehr viel über die südafrikanische Geschichte und Gesellschaft – vor allem natürlich über die Rassentrennung der Apartheid, die die Bevölkerung Südafrikas in folgende vier Kategorien unterteilte: Black, White, Coloured und Indian. Diese Gruppen unterscheiden sich nicht nur (mehr oder weniger) nach Hautfarbe und Abstammung, sondern auch nach Sprachen. Die schwarze Bevölkerung setzt sich aus komplett unterschiedlichen Volksgruppen wie Xhosa, Zulu, Tswana, Sotho, … zusammen. Diese sprechen völlig unterschiedliche Sprachen und sind sich auch nicht immer freundlich gesinnt. Die weißen Südafrikaner sprechen je nach Abstammung lieber Englisch oder Afrikaans (das auf die niederländische Besiedelung zurückgeht). „Coloured“ ist eine speziell in Südafrika gebräuchliche Bezeichnung für Nachkommen aus Mischbeziehungen zwischen ehemaligen Sklaven und Weißen oder Asiaten, und Menschen dieser Gruppe sprechen meist Afrikaans. Deshalb wird dem Leser irgendwann verständlich, warum es nötig war, mit der Einführung der Demokratie unter Nelson Mandela in Südafrika 11 Sprachen zu Nationalsprachen zu ernennen, damit sich niemand benachteiligt fühlt. 

Führung auf der Gefängnisinsel Robben Island.
Dort war N. Mandela 27 Jahre inhaftiert.

Insgesamt ist diese Biographie vor allem eine Hommage an Trevor Noahs Mutter. Sie erzieht ihn sehr streng – auch mal mit Schlägen – und sehr gottesfürchtig. Jeden Sonntag muss er mit ihr drei verschiedene Gottesdienste besuchen. Als er im Alter von zehn Jahren Batterien für seinen Walkman stiehlt, holt sie ihn nicht aus dem Gefängnis ab, um ihm eine Lehre zu erteilen. Auf der anderen Seite verehrt er sie für ihren unermüdlichen Einsatz für seine Bildung und Persönlichkeitsentwicklung. Er hat früh von ihr gelernt, dass Sprachkenntnisse ihm Türen öffnen können und beherrscht daher mehrere afrikanische Sprachen ebenso wie Englisch und Afrikaans. Sie versorgt ihn mit vielen guten Büchern und lehrt ihm eigenständiges Denken, was eher ungewöhnlich ist: „If my mother had one goal, it was to free my mind. My mother spoke to me like an adult, which was unusual. In South Africa, kids play with kids and adults talk to adults. The adults supervise you, but they don`t get down on your level and talk to you. My mom did. All the time. (…) My mom did what school didn`t. She taught me how to think.”  

Sie ist auch ein Vorbild an Courage. Als ihr zweiter Ehemann sie mit zu seiner Familie aus der sehr patriarchalisch geprägten Volksgruppe der Tsonga nimmt, wo der Platz der Frauen ausschließlich in der Küche und im Haus ist, macht sie sich mit übertriebenem Verhalten über diese Tradition lustig: „That was my mom. Don`t fight the system. Mock the system.“ Als dieser Ehemann sie Jahre später schlägt, weil sie ihm Vorwürfe wegen seiner Trinkerei macht, packt sie ihre Kinder und fährt postwendend auf die Polizeiwache um die häusliche Gewalt anzuzeigen. Ohne Erfolg, die Polizisten ergreifen sofort die Partei des gewalttätigen Ehemanns und als dieser in der Polizeiwache auftaucht, um alles zu erklären, verwandelt sich diese in einen „boys`club“.Eine große Stärke der Mutter ist ihr Humor. Als sie am Ende des Buchs mit einer Schussverletzung im Krankenhaus liegt, bei der ein Teil ihres Gesichts verletzt worden ist, und ihr Sohn an ihrem Bett weint, weil sie beinahe ums Leben gekommen wäre, meint sie nur: „`You must look on the bright side. (…) Now you`re officially the best – looking person in the family.” Und damit ist klar, warum Trevor Noah mittlerweile einer der bekanntesten Kabarettisten der USA ist.

Im Netz kann man einige seiner Auftritte ansehen und es gibt lustigerweise einen mit deiner Lieblingsautorin Chimamanda Ngozi Adichie in der Daily Show. Und dann musst du aufpassen, dass du nicht das nächste Video schaust und dann noch einmal eins… Es sind wirklich einige sehr witzige dabei! Und du wolltest ja Aufheiterung. Und deshalb hier noch ein schönes Foto vom Westkap.

Schönes Südafrika – Nähe Hermanus

Viel Spaß und gute Unterhaltung wünscht dir 

Petra

P.S. 

Seit 2017 gibt es übrigens auch eine deutsche Übersetzung mit dem Titel „Farbenblind“ (s.u.)

*AFFILIATE LINK. Über den Link oben kannst du das Buch gerne bestellen. Wir bekommen dann eine kleine Provision, dir entstehen dadurch aber keinerlei Mehrkosten.

Infos zum Buch (Englische Ausgabe) 

Titel: Born a crime. Stories from a South African childhood. 
Autor: Trevor Noah
Verlag: Randomhouse

Erschienen: 2016  

ISBN: 9780525509028 

Umfang: 304 Seiten

Preis: ca. 10 Euro

Infos zum Buch 

Titel: Farbenblind 
Autor: Trevor Noah
Übersetzerin: Heike Schlatterer
Verlag: Karl Blessing Verlag 

Erschienen: März 2017  

ISBN: 978-3896675903  

Umfang: 336 Seiten

Preis:19,99 Euro

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