Tomasz Jedrowski: Im Wasser sind wir schwerelos

Liebe Petra, 

ich stimme dir aus vollem Herzen zu! Was für ein Glück, dass wir im letzten Jahr unsere Bücher hatten. Und was für ein Glück, dass es so unglaublich viele hervorragende Autoren gibt, denen es gelingt, immer wieder neue Blickwinkel zu unterschiedlichsten Themen aufzuzeigen. Kultur ist sowas von systemrelevant!

Und es ist doch wirklich erstaunlich, wie viele Romane es inzwischen gibt, in denen Corona in irgendeiner Weise thematisiert wird. Im Moment höre ich sogar einen Krimi, der „nach Corona“ spielt. Was für eine wunderbare Dystopie! Doch auf diesen Krimi möchte ich hier gar nicht eingehen. 

Vielmehr möchte ich dir mitteilen, dass ich Polen entdeckt habe! Ok, ich gebe es zu, ich bin nicht die erste, die Polen entdeckt hat und es ist auch nicht so, dass ich erst jetzt von dessen Existenz erfahren hätte. Aber wirklich viel von Polen weiß ich, wie ich zu meiner Schande gestehen muss, wirklich nicht. 

Was fällt dir als erstes ein, wenn du Polen hörst? Mir bisher eigentlich nur Lech Walęsa und wie er Anfang der 80er in der Tagesschau auf einmal nicht mehr „Walensa“, sondern ganz nasal „Walęsa“ genannt wurde. Gut, ich war damals, was man heute einen Pre-Teen nennen würde und mein Interesse an Politik war gering und eigentlich machte einem in der Zeit des kalten Krieges alles im Osten irgendwie Angst. Ich habe mich damals jedenfalls nicht besonders mit Osteuropa auseinandergesetzt. Und als wir dann erwachsen wurden, fiel die Mauer, die östlichen Länder öffneten sich und irgendwie erschien es mir kein Thema mehr. 

Und schon sind wir wieder bei der wunderbaren Gabe von Autoren, uns Themen nahe zu bringen, die wir bisher noch nicht so sehr im Blick hatten.

In diesem Fall ist es Tomasz Jedrowski mit seinem Debütroman „Im Wasser sind wir schwerelos“, der mir Polen und zwar vor allem Polen Anfang der 80er näher gebracht hat. Ehrlich gesagt wusste ich zunächst nicht so genau, um was es im Buch gehen würde. Mir war als erstes der Buchtitel aufgefallen. Ich glaube, ich habe noch nie einen schöneren Buchtitel gehört als diesen. Und da sollte man vielleicht auch den Verdienst der Übersetzerin Brigitte Jakobeit erwähnen. Der Autor selbst, soviel habe ich recherchieren können, ist 1985 in Bremen als Kind polnischer Eltern geboren und hat in England und Frankreich studiert und gearbeitet. Das Buch hat Jedrowski auf Englisch verfasst, was mich sehr beeindruckt.

Im Roman geht es um die Liebesgeschichte zwischen Ludwik, dem Ich-Erzähler der Geschichte, und Janusz Anfang der 80er Jahre in Polen. Im Land herrscht das Kriegsrecht, die kommunistische Führungsriege bespitzelt die Menschen, nimmt in Kauf, dass das Volk nichts zu essen hat, führt selbst aber ein relativ komfortables Leben. Wie sagte schon Orwell: „All animals are equal, but some are more equal than others.” In diesem Polen begegnen sich also Ludwik und Janusz bei einem „freiwilligen“ Ernteeinsatz, etwas, das damals alle jungen Leute in Polen machen mussten, wenn sie im Anschluss beispielsweise studieren wollten. Eine Liebe zwischen Männern ist in der damaligen Zeit in Polen (und ehrlich gesagt nicht nur da) nichts, das man offen ausleben kann. Die kurze Zeit, die die beiden unbeschwert miteinander verbringen können, wurde vom Autor so berührend und wunderschön erzählt, dass dieser Erzählstrang schon allein das Buch zu einem wahren Juwel macht. Dazu kommt aber noch, dass Ludwik und Janusz das Leben im kommunistischen Polen ganz unterschiedlich für sich beurteilen und man zwei unterschiedliche Modelle eines Lebens in einem repressiven System aufgezeigt bekommt. Ludvik sieht alles sehr kritisch und schafft es nicht immer, seine Kritik für sich zu behalten, während Janusz versucht innerhalb des Systems für sich die optimalsten Lebensumstände finden zu können. Man ist natürlich versucht, sich sofort und unbedingt auf die Seite Ludviks zu schlagen, der dem System letztendlich auch entflieht und einen Neuanfang in den USA beginnt. Aber vielleicht sollten wir, die wir im Westen aufgewachsen sind, es uns da auch nicht allzu einfach machen. Janusz zieht es nicht in den Westen, denn er weiß nicht, was ihn dort erwartet, hat aber eine Ahnung, dass das Leben für ihn dort nicht einfach sein wird.

Neben der wunderschönen Geschichte ist es aber auch die wunderschöne, schwerelose Sprache des Autors, die dieses Buch so unbedingt lesenswert macht. Das solltest du dir unbedingt ganz weit oben auf deine Leseliste setzen.

Ich werde den heutigen verregneten Tag mit der Lektüre eines wunderbaren Romans verbringen, von dem ich dir wahrscheinlich in meinem nächsten Brief erzählen werde. 

Bis bald

Deine Uli 

*AFFILIATE LINK. Über den Link oben kannst du das Buch gerne bestellen. Wir bekommen dann eine kleine Provision, dir entstehen dadurch aber keinerlei Mehrkosten.

Infos zum Buch 

Titel: Im Wasser sind wir schwerelos

Autor: Tomasz Jedrowski

Übersetzerin: Brigitte Jakobeit

Verlag: Hoffmann und Campe

Erschienen:  02.03.2021  

ISBN: 978-3455011173

Umfang: 224 Seiten

Preis:23 Euro (Hardcover)  (Kindle 16,99 Euro)

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Dort findest du auch diese Rezension:

Ein Meteorit kracht irgendwo im Norden Finnlands auf das Autodach eines ehemaligen Rennfahrers. Dieser entpuppt sich als äußerst wertvoll und soll vorübergehend im Museum von Hurmevaara aufbewahrt und bewacht werden, denn ein millionenschwerer Stein bringt schon so manchen auf dumme Gedanken… 

Klicke für die ganze Rezension auf das CD-Cover links.

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