Daniela Krien: Der Brand

Liebe Uli,

Sommerferien sind doch etwas Wunderbares! Ich habe es zwar noch nicht geschafft, den Roman von C. Pham Zhang zu lesen, dafür habe ich dich mit S. in Venetien besucht, was natürlich noch wichtiger als Lesen ist… Es war wirklich schön, eindrucksvoll und erlebnisreich. Und vor allem sonnig! S. wäre auf der Rückfahrt beim ersten Regenschauer in Österreich am liebsten gleich wieder umgedreht … Tja, jetzt sitzen wir hier wieder in deutlich kälteren und nässeren Gefilden und trösten uns mit der Vorstellung, dass der Regen der Natur unheimlich guttut und man so außerdem viel mehr Zeit zum Lesen findet. Und das habe ich getan und einen Roman gelesen, in dem tatsächlich immer die Sonne scheint: Der Brand von Daniela Krien.  

Der Roman handelt von einer Urlaubsreise in den Sommerferien, die gar nicht so verläuft wie geplant. Denn Rahel und Peter, um die 50 Jahre, 30 Jahre verheiratet, zwei erwachsene Kinder und mitten in Berlin zuhause, wollten ihre drei Wochen Urlaub eigentlich in einem Ferienhaus in den oberbayerischen Alpen verbringen. Einen Tag vor der Abreise dieses bis ins letzte Detail geplanten Urlaubs vereitelt ein Anruf des Vermieters jedoch dieses Vorhaben: Das Ferienhaus ist abgebrannt. Während Rahel, die diese Nachricht entgegennimmt, noch wie erschlagen neben dem Telefon sitzt, klingelt dieses erneut. Der Zufall will es, dass genau in diesem Moment alte Freunde, die auf einem Bauernhof in der Uckermark leben, jemanden brauchen, der Hof und Tiere hütet, weil der Hofbesitzer einen Schlaganfall erlitten hat. Zunächst ist Peter sauer, dass Rahel ohne sein Einverständnis einfach zusagt, sieht dann aber ein, dass es die beste Lösung ist, und die beiden verbringen drei Wochen auf einem idyllischen alten Hof mitten in der uckermärkischen Pampa – unter anderem mit einer versehrten Katze, einem alten Pferd und einem einbeinigen Storch. Die ungewohnten Abläufe in dieser Idylle (Was frisst eigentlich so ein Storch?) durchbrechen die routinierten Strukturen des Stadtlebens und haben auf beide Ehepartner eine völlig unterschiedliche Wirkung. Dadurch kommen endlich seit langem unterdrückte Dissonanzen und Enttäuschungen in der Partnerschaft zur Sprache. Die Sprachlosigkeit der beiden und ihre Vereinsamung in der Partnerschaft werden durch Dialoge und Gesten unglaublich intensiv dargestellt. „Der Brand“ ist aber nicht nur ein Roman über Entfremdung in einer langen Beziehung, es geht auch ums Älterwerden an sich, um Elternschaft und um von Generation zu Generation vererbte Traumata. Auch aktuelle Themen wie Corona, die Genderdebatte, die Rolle der Medien werden angeschnitten – auf eine sehr unaufdringliche und angenehme Art.

Der Roman wird aus der Perspektive von Rahel, einer Psychotherapeutin, erzählt. Interessanterweise ist es aber gerade sie, die eher unsympathisch wirkt und trotz ihres Berufs sich selbst und andere oft völlig falsch einschätzt. Peter, ein Literaturprofessor, wächst einem trotz seiner etwas pedantischen Art immer mehr ans Herz. Mit viel Hingabe widmet er sich auf dem Hof den Tieren (ja, es geht mal wieder auch um Tiere!) und vor allem der flugunfähige Storch folgt ihm auf Schritt und Tritt. Grundsätzlich sind alle Figuren in ihrer Unvollkommenheit sehr realistisch.

Viel passiert in diesem Buch nicht, obwohl gerade auch die Beschäftigung mit der Vergangenheit, die auf dem Hof angestoßen wird, eine Überraschung bereithält. Überhaupt ist der Schauplatz dank der Beobachtungsgabe der Autorin wunderschön beschrieben und die erzeugten Bilder des Hofes und der Landschaft behält man lange im Kopf. Die Dramatik des Buches spielt sich eher in den Personen ab und das nicht zu wenig. Der schlichte, aber immer poetische Erzählstil unterstreicht all die schwelenden Emotionen und unausgesprochenen Gefühle. Und es wird klar, dass mit dem Titel nicht nur auf den Brand des Ferienhauses in den Alpen angespielt wird. Für Leser und Leserinnen in unserem nicht mehr ganz jugendlichem Alter eine aufschlussreiche und interessante Lektüre.

Dass in meiner Leseempfehlung nun schon wieder Tiere eine nicht völlig unwichtige Nebenrolle spielen, konnte ich wirklich nicht ahnen… Aber Schnecken kommen diesmal nicht vor, versprochen! Auch die Uckermark verfolgt mich gerade und nach „Die Wütenden und die Schuldigen“ ist diese Gegen schon wieder Schauplatz in meinem Buchtipp. Und ich muss sagen, wenn man in Deutschland eine Schönwettergarantie hätte, würde ich dort sehr gerne einmal einen Urlaub verbringen.

Vorher komme ich aber garantiert noch einmal nach Venetien! Und dann trinken wir doch noch was in Harry’s Bar…

Ganz liebe Grüße

Petra

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INFOS ZUM BUCH

Titel: Der Brand
Autorin: Daniela Krien
Verlag: Diogenes

Erschienen: 28.07.2021

ISBN: 978-3257070484

Umfang: 272 Seiten

Preis: 22,00 Euro (gebundene Ausgabe)

Hinweis: „Der Brand“ wurde mir umsonst von LovelyBooks und Diogenes zur Verfügung gestellt.

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Dort findest du auch diese Rezension:

„Über Menschen“ – der Titel von Juli Zehs neuesten Roman erinnert an ihr Buch „Unterleuten“ von 2016. …

Klicke für die ganze Rezension auf das Bild links.

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