Irmgard Keun: Das kunstseidene Mädchen

Liebe Uli,

Jane Austen! Wie schön! Man sollte wirklich öfters mal wieder zu den Autor*innen des letzten oder vorletzten Jahrhunderts greifen. Von Jane Austen habe ich tatsächlich nicht alles gelesen und ich muss zugeben, Mansfield Park kenne ich nicht… shame on me! Deine Hörempfehlung kommt also gerade recht. Tatsächlich bin ich aber auch schon auf den Spuren dieser genialen Autorin gewandelt, bei einem Besuch in Bath. Übrigens eine meiner Lieblingsstädte in Großbritannien.

Während meines Auslandssemesters in Wales habe ich vor allem andere Autorinnen des 19. Jahrhunderts gelesen, allen voran die Werke der Bronte-Schwestern. Mein damaliges Lieblingsbuch: Die Sturmhöhe (Wuthering Heights) von Emily Bronte. Daraus kann ich sogar auswendig zitieren und mit dem dazugehörigen Lied von Kate Bush habe ich zu jener Zeit wohl meine Mitbewohner in der Studenten-WG arg traktiert.

Seit meiner Lektüre von FRAUEN LITERATUR (Nicole Seifert) versuche ich tatsächlich wieder mehr die Autorinnen heraus zu kramen, die bei uns nicht ganz die Aufmerksamkeit bekommen, die sie verdienen. Deshalb nehme ich dich heute mit in die Zeit vom Sommer 1931 bis zum Frühjahr 1932, zunächst ins Rheinland und dann nach Berlin. Wir treffen dort Doris in „Das kunstseidene Mädchen“. Die Schriftstellerin Irmgard Keun veröffentlichte diesen Roman 1932, bald wurde er jedoch von den Nationalsozialisten verboten und die Autorin geriet in Vergessenheit. Mittlerweile wird das Buch als Schullektüre gelesen und es gibt eine wunderbare Hörfassung, gelesen von Fritzi Haberlandt (die ich auch als Schauspielerin sehr verehre!). Keine hätte diesen Roman besser lesen können, denn die Geschichte wird in der Ich-Form aus der Sicht der 18-jährigen Doris erzählt und Fritzi Haberlandt liest mit genau der naiven Leichtigkeit und der unschuldigen Raffiniertheit, die Doris entsprechen.

Der Roman besteht aus den Aufzeichnungen der jungen Sekretärin, die sich in ihrem Job bei einem Rechtsanwalt unendlich langweilt und unbedingt „ein Glanz“ werden will. Eines Abends beschließt sie ihre Geschichte aufzuschreiben: „Und ich denke, daß es gut ist, wenn ich alles beschreibe, weil ich ein ungewöhnlicher Mensch bin. (…) Und habe mir ein schwarzes, dickes Heft gekauft und ausgeschnittne weiße Tauben draufgeklebt und möchte einen Anfang schreiben: Ich heiße somit Doris und bin getauft und christlich und geboren. Morgen schreibe ich mehr.“

Doris kommt aus armen Verhältnissen, die Zeiten sind schlecht, man leidet unter der Notverordnung. Die 18-Jährige träumt von einem besseren Leben und als Leser*in begleitet man sie bei all ihren Anstrengungen und listigen Plänen, die sie auf dem Weg dorthin unternimmt: Ausgehen mit wohlhabenden Männern, Erfinden von Affären, „Ausleihen“ von teuren Pelzmänteln, und so weiter. Dabei bleibt sie die ganze Zeit eine äußerst liebenswerte Person, die ihre Umgebung und die Gesellschaft dieser Zeit mit ihrer Naivität glasklar beschreibt:

„Fragt mich die Großindustrie, ob ich auch ein Jude bin. Gott, ich bin’s nicht – aber ich dachte: wenn er das gern will, tu ihm den Gefallen – und sag: Natürlich (…). Und er wird eisig mit mir und stellte sich heraus als Nationaler und hatte eine Rasse – und Rasse ist eine Frage – und wurde darauf feindlich – das ist alles sehr kompliziert. (…) ein Mann muß doch vorher wissen, ob ihm eine Frau gefällt.“

Ein lesenswertes Buch, ein noch hörenswerteres Hörbuch (leider nicht mehr im Handel). Man fragt sich wirklich, warum dieser Roman noch nicht verfilmt wurde. Natürlich mit Fritzi Haberlandt.

Vielleicht kannst du das Hörbuch irgendwo auftreiben, es wäre doch auch etwas für deine baldige Fahrt ins verschneite Deutschland? Ansonsten bleibt nur die Lektüre.

Ich freue mich schon sehr, dich persönlich zu treffen!

Ganz liebe Grüße

Petra

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INFOS ZUM BUCH

TITEL: DAS KUNSTSEIDENE MÄDCHEN
AUTORIN: IRMGARD KEUN
VERLAG: LIST TASCHENBÜCHER

Erschienen: 1.1.2000 (im Original 1932)

ISBN: 978-3612650986

Umfang: 256 Seiten

Preis: 10,00 Euro

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