Brief: Sasha Filipenko: Rote Kreuze

Liebe Uli,

Marokko ist in der Tat ein faszinierendes Land! Deshalb danke für den Buchtipp, du hast damit Erinnerungen geweckt. Tatsächlich habe ich nämlich in Marokko schon einmal einen zweiwöchigen Urlaub verbracht. Damals war ich 17 und wäre am liebsten nur am traumhaften Sandstrand von Agadir geblieben. Zum Glück wollte mein Vater, mit dem ich die Reise unternahm, ein bisschen was vom Land sehen und so erlebte ich auch die wunderschöne Stadt Marrakesch mit ihren Märkten und Minaretten und sogar das Hinterland mit Dörfern, die wie Festungen auf Bergkuppen gebaut waren. Lange Zeit hatte ich danach sogar eine Brieffreundschaft mit einem Marokkaner – auf Französisch, damals meine Lieblingssprache.

Manchmal überlege ich, ob ich nicht noch einmal eine neue Sprache lernen sollte. Doch dann denke ich – man ist ja schließlich bequem geworden – die Zeit wäre besser genutzt, um eine bereits gelernte Sprache zu vertiefen. Was ich aber nie mache. Wenn ich mich für eine neue Sprache entscheiden müsste, würde die Wahl wahrscheinlich auf Russisch fallen. Ja, du hast richtig gelesen: Russisch! Warum? Ein lang gehegter Traum ist es, einmal mit der Transsibirischen Eisenbahn zu reisen. Ohne ein paar Brocken Russisch zu können, ist das wohl eher nicht empfehlenswert.

Als ich letztens den preisgekrönten Roman Blaue Frau gelesen habe, wurde mir noch einmal deutlich, wie wenig ich über Russland, die ehemaligen Sowjet-Staaten, aber auch Länder wie Tschechien und Polen weiß. Auch, weil ich so gut wie keine Autor*innen dieser Länder gelesen habe. Wenn du dich in Zukunft also mehr mit Süd- bzw. Lateinamerika beschäftigen willst, möchte ich mich gerne literarisch nach Osteuropa begeben. Immerhin habe ich mit dem Roman Weiße Rentierflechte von Anna Nerkagi im letzten Jahr bereits einen Anfang gemacht.

Das Buch „Rote Kreuze“ des belarussischen Autors Sasha Filipenko ist mir durch Zufall in die Hände gefallen. Ein guter Zufall. Denn auch wenn der Roman einen auf Grund der Thematik eher erschüttert zurücklässt, ist er doch eine sehr empfehlenswerte Lektüre. Es geht um einen jungen Mann, Alexander, der nach einem schweren Schicksalsschlag in eine neue Wohnung in Minsk (Belarus) einzieht und dort zunächst eher unwillig mit seiner 91-jährigen, an Alzheimer leidenden Nachbarin Tatjana ins Gespräch kommt. Sie erzählt ihm im Laufe des Romans ihre ganze Lebensgeschichte, die im Grunde Stoff für mehrere Romane bieten würde: In London geboren, mit dem russischen Vater 1920 nach Moskau ausgewandert, lebt sie ein kosmopolitisches Leben, spricht viele Fremdsprachen und zeichnet leidenschaftlich gerne. Sie arbeitet in der ehemaligen Sowjetunion als Sekretärin für das Volkskommissariat für Auswärtige Angelegenheiten und hat auch Zugang zu internationalen Dokumenten. So erfährt sie eines Tages, dass ihr Ehemann und Vater ihrer kleinen Tochter, der für die Rote Armee im Zweiten Weltkrieg kämpft, Kriegsgefangener in Rumänien ist. Da Kriegsgefangene als Verräter gelten und auch deren Familienangehörige dafür verurteilt werden können, entschließt sich Tatjana den Namen ihres Mannes zu ersetzen. Die Geschichte nimmt ihren Lauf, Tatjana landet nach dem Krieg schließlich doch in einem Gulag und ihre Tochter in einem Waisenhaus. Der Terror der „Säuberungen“ in der stalinistischen UdSSR nach Kriegsende wird nicht nur in den Erzählungen deutlich. Aus historischen Dokumenten und amtlichen Schreiben, die in die Erzählung eingebunden sind, erfährt man, wie sich zum Beispiel das Internationale Rote Kreuz für einen „humanen“ Austausch von Kriegsgefangenen stark gemacht hat. Und aus welchen Gründen es nicht dazu kam.

Ein fesselnder und bewegender Roman. Tatjana erzählt ihre Lebensgeschichte gegen das Vergessen. Das eigene Vergessen auf Grund ihrer Alzheimer Erkrankung, das allgemeine Vergessen durch die Gesellschaft.

Der Autor Sasha Filipenko sagt in einem Interview 2021, dass er um alle Menschen in Belarus fürchtet, seit Lukaschenko an der Macht ist. Er selbst sei einer Verhaftung nur durch Ausreise entkommen, seine Bücher sind in seiner Heimat weder in Läden noch in der Nationalbibliothek zu finden. So sieht eine Diktatur aus. Wer dort demonstriert, muss mit Verhaftung und Folter rechnen.  

Von diesem Autor werde ich auf alle Fälle noch mehr lesen und vielleicht auch mal wieder ein paar osteuropäische Klassiker. Leider wohl nie in der Originalsprache …

Ich bin schon gespannt auf deine nächsten Tipps und werde mich nun literarisch nach Indien begeben. Wir sind wirklich ganz schön unterwegs!

Liebe Grüße

Petra

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INFOS ZUM BUCH:
TITEL: ROTE KREUZE
AUTOR: SASHA FILIPENKO
ÜBERSETZUNG: RUTH ALTENHOFER
VERLAG: DIOGENES

Erschienen: 26. Februar 2020 (im Original 2017)

ISBN-13:  978-3257071245

Preis: 12,00 Euro 

Umfang: 288 Seiten

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