Kurzrezension: Lucy Fricke: Die Diplomatin

Lucy Fricke: Die Diplomatin

Zum ersten Mal aufgefallen war mir Lucy Fricke in der Anthologie „Klasse und Kampf“ von Barankow/Baron, einer Textsammlung, in der Schriftsteller, die aus dem Arbeitermilieu stammen, über ihren sozialen Aufstieg bzw. das Leben zwischen zwei Welten schreiben. 

Frickes Protagonistin Fred in „Die Diplomatin” hat den Spagat zwischen zwei Welten offensichtlich gut gemeistert, auch wenn immer wieder in deren Gedanken aufblitzt, dass ihre Mutter, die in Hamburg in einfachen Verhältnissen lebt, ihren jetzigen Lebensstil inklusive Haushälterin und privatem Fahrer nur schwer fassen könnte. 

Fred ist in ihrem neuen Leben als Diplomatin längst angekommen. Mehr und mehr wird ihr jedoch klar, wie begrenzt ihre diplomatischen Mittel eigentlich sind. 

Im ersten Teil des Buchs hat sie gerade eine Stelle in Montevideo angetreten und verzweifelt fast schon an der gepflegten Langeweile, da zu ihren Hauptaufgaben in diesem konfliktarmen Job hauptsächlich das perfekte Catering des Staatsbanketts zum Tag der Deutschen Einheit zählt. Jedenfalls bis eine deutsche Touristin entführt wird und sie dem Fall nicht die notwendige Dringlichkeit zukommen lässt.

Hier endet dieser Teil des Buchs relativ abrupt und wir erfahren im nächsten Teil des Buches, dass Fred nach einiger Zeit im Innendienst ihre nächste Stelle in Istanbul angetreten hat. Langweilig ist es ihr hier sicherlich nicht. Viele der Fälle erinnern uns bei der Lektüre allzu gut an vieles, was wir in deutschen Zeitungen in den letzten Jahren gelesen haben. Für Fred sind diese Fälle zunehmend frustrierend, denn mit ihren diplomatischen Bemühungen stößt sie mehr und mehr an ihre Grenzen, und sie hat das Gefühl, dass ihre Hauptaufgabe darin besteht, bei Gerichtsverhandlungen Präsenz zu zeigen und dennoch keinen Einfluss auf den Verlauf der Dinge zu haben. 

Ich fand die Lektüre interessant, mag Lucy Frickes Schreibstil sehr, auch wenn mir in diesem Roman vieles etwas zu angedeutet blieb und ich das Gefühl hatte, dass der in Montevideo spielende Teil insgesamt zu wenig Relevanz für das ganze Werk hatte. 

Einen Roman in der Welt der Diplomat*innen anzusiedeln empfand ich als spannend, hatte mich während der Lektüre aber auch ein wenig gefragt, wie die Autorin zu diesem Stoff gefunden hatte. 

Ein wenig Aufschluss gab mir ein Interview mit Lucy Fricke, in dem sie von ihrem Stipendienaufenthalt in der Türkei und von vielen Gesprächen, die sie dort mit Diplomaten hatte, erzählt, um Stoff für die Geschichte einer Diplomatin, die den Glauben an die Diplomatie verloren hat, zu sammeln. 

Insgesamt ein empfehlenswertes Buch, bei dem man das Gefühl hat, ein bisschen mehr Einblick in die Welt und die Grenzen der Diplomatie zu bekommen. Schön auch, dass wir das aus weiblicher Sicht bekommen. Auch wenn ich mich frage, ob es von Bedeutung ist, dass unsere Protagonistin Friederike von allen Fred genannt wird? 

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INFOS ZUM BUCH

Titel: Die Diplomatin
AUTORIN: Lucy Fricke
VERLAG: Claassen

Erschienen: 10.03..2022

ISBN: 978-3546100052

Umfang: 256 Seiten

Preis: 22,00 Euro (gebundene Ausgabe), 17,99 Euro (ebook)

Das Buch „Die Diplomatin“ wurde mir als Rezensionsexemplar von netgalley.de zur Verfügung gestellt.

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