Brief: Aeham Ahmad: Und die Vögel werden singen

Liebe Uli,

den Roman von Delphine de Vigan, den du mir empfiehlst, hatte ich auch schon ins Auge gefasst, weil das Thema ziemlich außergewöhnlich und interessant klingt. Und deine Begeisterung bestärkt mich, ihn noch zu lesen!

Das Buch, das mich in den letzten Tagen gefesselt hat, könnte unterschiedlicher nicht sein. Ich hatte bisher weder vom Autor noch vom Titel gehört: Aeham Ahmad – Und die Vögel werden singen. Ehrlich gesagt, der Titel hätte mich normalerweise eher abgeschreckt. Doch in einem meiner Lieblingsbuchläden bin ich beim Stöbern am Coverbild „hängengeblieben“, das einen Mann am Klavier in einer Trümmerlandschaft zeigt. Ich überflog den Klappentext und fand sofort, dass ich das Buch lesen sollte. Es führt uns in ein Land, das ich bisher weder in der Realität noch literarisch bereist habe. Bei meinem letzten Besuch im Metropolitan Museum in New York habe ich mich allerdings sehr lange in dem Raum aufgehalten, der Kunstschätze aus diesem Land ausstellte, die mich durch ihre Farben und Muster tief beeindruckt haben: Syrien. Wir verbinden Syrien nur noch mit Krieg, Gräueltaten und Flüchtlingen. Freunde, die noch vor dem Krieg das Land bereist hatten, erzählten von wunderschönen Landschaften, Kunstschätzen und Gastfreundschaft.

Der Autor Aeham Ahmad beginnt seine Geschichte zu einer Zeit, in der es in Syrien noch relativ friedlich zuging. Aeham Ahmad wuchs in Damaskus auf – findest du nicht auch, dass Damaskus wunderschön klingt? Und wenn der Autor seine Kindheit dort beschreibt, taucht man tief ein in die arabische Welt und den Stadtteil Yarmouk mit den geschäftigen Straßen und Märkten, den Jasminbäumen und Gewürzständen. In den 1950er Jahren waren dort Zehntausende palästinensische Flüchtlinge angesiedelt worden und Yarmouk entwickelte sich zu einem lebhaften Viertel, wo auch Syrer lebten und einkauften. Die Familie des Autors hat ebenfalls palästinensische Wurzeln. Seine Mutter ist Lehrerin, sein Vater Musiker und Instrumentenbauer und durch dessen Hartnäckigkeit und liebevolle Strenge bekommt Aeham Ahmad die Möglichkeit, am Konservatorium in Damaskus Klavierunterricht zu nehmen. Danach studiert er Klavier, betreibt zusammen mit seinem Vater ein Geschäft für Musikinstrumente und gibt Instrumentalunterricht. Er heiratet, bekommt einen Sohn und alles läuft wunderbar.

Doch dann beginnt die Revolte gegen das Regime von Assad. Menschen sterben, überall werden Checkpoints errichtet, Freundschaften zerbrechen. Die Menschen in Yarmouk richten sich so gut es geht ein, aber eines Tages wird das Stadtviertel komplett von der syrischen Regierung abgeriegelt. Die Bewohner halten sich noch eine Zeitlang über Wasser, brauchen ihre Vorräte auf, plündern die Häuser derer, die das Viertel noch rechtzeitig verlassen haben. Doch die Hungerskatastophe nimmt ihren Lauf, zudem werden zivile Gebäude bombardiert und Menschen – auch Kinder – einfach so aus dem Hinterhalt erschossen.

Gegen die vollständige Verzweiflung spielt und singt der Pianist Aeham Ahmad an, indem er sein Klavier auf Rollen auf die Straße bringt und zunächst mit Freunden und später auch mit einer Gruppe Kinder musiziert. Dies gibt es alles auf Youtube zu sehen, da die Leute noch Handys hatten und mit sehr viel Kreativität teilweise das Internet zum Laufen bringen konnten. Auf diese Weise ging auch ein Foto des Pianisten in der Trümmerlandschaft um die Welt. Dadurch entstanden Beziehungen, die Aeham Ahmad schließlich die Flucht über die Türkei und Griechenland ermöglichten und er lebt heute mit seiner Familie in Deutschland. Während ich diesen letzten Satz schreibe, merke ich, wie wenig er der wahren Geschichte gerecht wird, denn alles klingt viel zu einfach und reibungslos. Wenn der Autor selbst diese Flucht beschreibt, wird mehr als deutlich, warum Menschen sich auf den Weg machen müssen, wie schwer und teilweise unerträglich ihre Erlebnisse sind und dass es – zum Glück – unsere Vorstellungskraft sprengt. Aber genau deshalb fand ich die Lektüre so bereichernd und erhellend. Wenn man die Flüchtenden in den Nachrichten sieht, hat man durchaus Mitleid, aber nur indem man ihre individuellen Geschichten hört und liest, kann man mitempfinden und verstehen.

Deshalb empfehle ich dir dieses Buch ganz besonders. Nicht nur, weil das Thema im Moment leider so aktuell ist. Sondern auch, weil man selbst aufpassen muss, Flüchtlinge nicht in Schubladen zu stecken. Dass kein Mensch freiwillig seine Heimat verlässt, egal ob aus wirtschaftlichen, politischen oder sonstigen Gründen, wird einem hier völlig klar.

Ich sende dir ganz viele gute Wünsche

Petra

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INFOS ZUM BUCH:
TITEL: UND DIE VÖGEL WERDEN SINGEN
AUTOR: AEHAM AHMAD
VERLAG: FISCHER

Erschienen: 22. Mai 2019

ISBN-13: 978-3596704217

Preis: 13,00 Euro

Umfang: 368 Seiten

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