Brief: Andrej Kurkow, Graue Bienen

Liebe Petra, 

ob ich auch finde, dass Damaskus wunderschön klingt, fragst du? Absolut märchenhaft kann ich da nur antworten. Mich versetzt der Name ein bisschen in die Geschichten aus 1001 Nacht und tatsächlich wollte ich diese Stadt schon immer besuchen, obwohl ich nicht mehr von ihr wusste als den Namen. Aber genauso wie der Autor von „Und die Vögel werden singen“ das Damaskus seiner Kindheit beschreibt, habe ich mir die Stadt immer vorgestellt. Leider werden wir keine Gelegenheit mehr haben, das Damaskus von damals kennenzulernen. Ebenso wenig wie die Gegend um den Donbass von einstmals. Wobei ich zugeben muss, dass ich zu Städten wie Donetsk und Luhansk keinerlei Vorstellung im Kopf hatte. Heute assoziiere ich mit diesen Namen leider triste, traurige Bilder vom Krieg. Dennoch würde ich jetzt nicht behaupten, dass ich großes Wissen zu dieser Gegend habe, auch wenn dieses Informationsdefizit gerade leicht zu beseitigen ist. Doch wie ich finde, kann auch Literatur in diesem Zusammenhang einen großen Beitrag leisten.

Eine große Entdeckung war für mich der Roman „Graue Bienen“ von Andrej Kurkow, der bereits 2019 erschienen ist, mir gerade aber wie das Buch der Stunde erscheint. Kurkow führt uns nicht ganz in den Donbass, sondern in die graue Zone, dem Gebiet zwischen dem Territorium der prorussischen Separatisten und der ukrainischen Armee. Das Dorf Malaja Starogradowka, in dem der Protagonist Sergej Sergejitsch lebt, ist inzwischen verlassen. Außer ihm lebt nur noch sein „Feindfreund“ Paschka dort. Alle anderen Bewohner haben ihren Heimatort längst verlassen. Zu groß war die Angst, zwischen den Fronten das Leben zu verlieren.

„Bei den übrigen Malostarogradowkern war gleich zu Beginn der Kriegshandlungen der Wunsch aufgekommen wegzuziehen. Und das hatten sie getan. Weil sie mehr Angst um ihr Leben bekommen hatten als um ihre Besitztümer und von zwei Ängsten die stärkere wählten.“

Und so verharren nun Sergej und Pawlak in friedlicher Koexistenz, denn sie haben doch nur noch sich außer vereinzelte Besucher, die Sergei aus dem ukrainischen Lager bekommt, Paschka aus dem der Separatisten. 

Dennoch versuchen die beiden sich so gut es geht aus dem politischen Geschehen herauszuhalten. Bei Sergej sind es insbesondere seine Bienen, die ihm Möglichkeit zur inneren Emigration bieten. 

Und diese sind für ihn auch der Anlass, sich auf einen Roadtrip Richtung Ukraine und Krim zu begeben, denn die Bienen sollen frei und unbeschwert vom Donnern irgendwelcher Kanonen ausschwirren und Honig sammeln können. Auf der Reise wird Sergej vielerlei Menschen begegnen, Ukrainern, Russen, Krim-Tartaren, von denen manche freundlich sind, andere weniger. 

Eine leise, ernste Geschichte, die Andrej Kurkow aber mit so viel Leichtigkeit erzählt und in der er die Figuren, insbesondere Sergej Sergejewitsch mit so viel Herzenswärme zeichnet. Eine kleine Geschichte, die dennoch sehr zum Verständnis der Situation beitragen kann. Eine wunderbare Geschichte, die ich dir sehr ans Herz legen möchte.

In der Hoffnung, dass auch viele Mächtige dieser Welt lieber ein gutes Buch in die Hand nehmen, anstatt Landkarten zu studieren und zu überlegen, in welche Richtung sie „ihr“ Territorium vergrößern könnten, schicke ich dir eine dicke Umarmung in Richtung Ulm.

Deine Uli

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INFOS ZUM BUCH:
TITEL: GRAUE BIENEN
AUTOR: ANDREJ KURKOW
ÜBERSETZUNG: SABINE GREBING, JOHANNA MARX
VERLAG: DIOGENES

Erschienen: 24.07.2019

ISBN-13:  978-3257070828

Preis: 24,00 Euro (gebundene Ausgabe), 10,99 (Ebook)

Umfang: 448 Seiten

Hinweis: „GRAUE BIENEN “ wurde mir umsonst als Rezensionsexemplar von Diogenes und netgalley.de zur Verfügung gestellt. 

Die Welt besser verstehen durch Literatur? Ich habe auch bei der Audiolektüre dieses neuen Romans von Katerina Poladjan viel erfahren.

Zu unserer Rezension geht es hier.

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