Brief: Anna Kim: Geschichte eines Kindes

Liebe Petra, 

was war ich in letzter Zeit auf der Suche nach einem neuen Buch, dass ich so richtig gerne lesen würde. Ich habe mich von einer Leseprobe zu nächsten gehangelt, aber nichts hat mich überzeugt. Hatte ich etwa, seit wir unseren Blog angefangen haben, zu viel gelesen. Gar eine Leseblockade? 

Ein Glück, dass du mir von Daniela Dröschers Roman „Die Lügen über meine Mutter“ erzählt hast. Dieses Buch klingt für mich schon jetzt wie der Gewinner des Deutschen Buchpreises 2022. 

Und eben die Tatsache, dass Dröschers Roman zu den preisverdächtigen Romanen gehört (inzwischen sogar auf der Shortlist), hat mich auf die Idee gebracht, mich auf diversen Longlists umzuschauen. In der Hoffnung, ein Buch zu finden, dass mich so richtig überzeugt, habe über die Alpen ins schöne Österreich geschaut und die Longlist des dortigen Buchpreises ziemlich genau geprüft. 

Die Schnittmenge der vorgeschlagenen Bücher in beiden Ländern ist viel kleiner als ich dachte. Andererseits ist es auch logisch, dass sich unser Nachbarland bei der Auswahl verstärkt auf österreichische Autoren konzentriert. Allein die Titel vieler der Bücher klingen vielversprechend und absolut preisverdächtig: Fretten, Atemhaut, Quecksilberlicht, um nur einige zu nennen. 

Wie kam es also, dass ich mich ausgerechnet zur Lektüre von Anna Kims „Geschichte eines Kindes“ entschied. Ein doch eher nüchterner Titel.

Es lag weniger an der Tatsache, dass dieser Roman auf beiden Longlists zu finden ist, sondern an diesem Satz aus dem Vorwort der Autorin: „Obwohl wir gewisse Wörter, Begriffe abgeschafft haben, haben wir es doch nicht geschafft, uns von den Ideen zu trennen, die ihr Innerstes, ihren Kern bilden. Somit riskieren wir, wenn wir Geschichten wie diese weitergeben, auch einen Blick auf die Unterseite der Sprache: auf ihre Kehrseite.“ 

Zur Zeit in der die Haupthandlung des Romans spielt, sind diese Wörter noch lange nicht abgeschafft, geschweige denn die damit verknüpften Ideen. Wir sind in den USA Anfang der 50er-Jahre. Die junge (weiße) Carol Truttman gebiert ein Kind, den kleinen Denny, den sie zur Adoption freigibt. Schnell erhärtet sich der Verdacht, dass dieses Kind unmöglich weiß sein kann. Die Kindsmutter ist jedoch alles andere kooperativ und gibt den Kindsvater nicht preis. Und so macht sich der Sozialdienst auf die Suche nach der Identität des Kindes. Wir lesen die Aufzeichnungen aus dem Jahre 1953 und diese sind für uns im Jahre 2022 so politisch unkorrekt, dass einem allein das Lesen eben dieser Worte ein unangenehmes Gefühl hinterlässt. Aber es ist nicht nur die Art, wie das Baby im wahrsten Sinne des Wortes vermessen wird, um seine Rasse zu bestimmen, die für uns heute schockierend ist, auch die Übergriffigkeit, in der der Sozialdienst versucht, das Leben der Mutter auszuspionieren, ist für uns zum Glück nicht mehr nachvollziehbar. 

Diese Berichte aus den 50er-Jahren sind mit einer weiteren Zeitebene, der Gegenwart verwoben. Rahmenhandlung bildet der Besuch einer jungen Autorin aus Österreich an einer amerikanischen Uni. Dort stößt sie auf diese Geschichte, da sie ein Zimmer bei der Joan, der Frau Denny Truttmans hat. Zunächst ist die Erzählerin konsterniert über die mehr als direkte und ebenfalls politisch höchst nicht korrekte Art ihrer Landlady, sie auf ihre koreanischen Wurzeln anzusprechen und die Überzeugung, dass dies zwangsläufig zu Ausgrenzung führt, 

denn: „Den Wurzeln entkomme man nicht – ich sei doch gemischt, oder?“

Durch die Gespräche mit Joan stößt die Ich-Erzählerin nicht nur auf Dennys Geschichte, sie beginnt auch ihre eigene Geschichte zu reflektieren und wie stark Fremdzuschreibungen uns beeinflussen. 

Mit dem Thema Fremdzuschreibung muss(te) sich die Autorin Anna Kim als Kind koreanischer Eltern sicher auch des öfteren auseinandersetzen. Umso wichtiger ist es für uns, die wir diese Art von anders sein in einer Gesellschaft nicht kennen, uns mit diesem Thema auseinanderzusetzen.

In Deutschland hat es Anna Kims Roman leider nicht in die Shortlist des Buchpreises geschafft. Vielleicht hat dieses Buch, das bei mir wirklich nachwirkt, in Österreich mehr Glück.

Meine Daumen sind jedenfalls ganz fest gedrückt.

Bis dahin bin ich auf deinen nächsten Tipp gespannt.

Liebe Grüße

Deine Uli

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INFOS ZUM BUCH:
TITEL: GESCHICHTE EINES KINDES
AUTORIN: Anna Kim
VERLAG: Suhrkamp

Erschienen: 27.09. 2022 (15.08.2022)

ISBN: 978-3-518-43056-9

Preis: 23,00 (gebundenes Buch), 19,99 (E-Book)

Umfang: 220 Seiten

Hinweis: „Geschichte eines Kindes“ wurde mir umsonst als Rezensionsexemplar vom Suhrkamp Verlag und netgalley.de zur Verfügung gestellt.

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