Kurzrezension: Fatma Aydemir: Dschinns

„Hüseyin…Weisst du, wer du bist, Hüseyin, wenn du die glänzenden Konturen deines Gesichts im Glas der Balkontür erkennst? … Vielleicht, denkst du, vielleicht war jede Hürde und jeder Zwiespalt in diesem Leben nur dazu da, um irgendwann hier oben zu stehen und zu wissen: Ich habe mir das verdient.“

Der Roman Dschinns von Fatma Aydemir fesselt vom ersten Satz. Hüseyin kommt in den 70er Jahren aus einem Bergdorf in der Türkei nach Deutschland, ernährt dort 28 Jahre lang mit harter Arbeit seine Frau und seine vier Kinder und spart nebenbei für seinen Traum: eine Wohnung in der Türkei. Als die Rente kurz bevorsteht und er die Wohnung in Istanbul gerade einrichtet und sich frohen Mutes ausmalt, was seine Familie dazu sagen werde, erleidet er einen Herzinfarkt und stirbt. Als Leser*in kann man sich dieser intensiven Tragik nicht entziehen.

Im Folgenden wird aus der Perspektive der vier Kinder erzählt, wie die Familie sich auf den Weg macht in die Türkei, um dort den Vater bzw. Ehemann zu beerdigen, und wie sie zum ersten Mal die Wohnung betritt, die der Alterswohnsitz für Hüseyn und seine Frau werden sollte. Durch diese völlig unterschiedlichen Erzählperspektiven – der jüngste Sohn Ümit ist 15 und geht noch zur Schule; Sevda, die älteste Tochter, ist selbst bereits Mutter und Unternehmerin – taucht man als Leser*in tief ein in die Familiengeschichte und kann sich ein immer schärferes Bild von den Familienstrukturen machen. Dieses wird am Ende vervollständigt durch ein Kapitel über die Mutter, Emine, die ebenso wie der Vater nicht selbst zu Wort kommt, sondern deren vermeintliche Gedanken von einer allwissenden Erzählinstanz wie in einem inneren Dialog offenbart werden: „Was willst du bloß tun, Emine? Du kannst nichts tun, du musst mit dieser Wahrheit leben.“

Die hier angesprochene Wahrheit ist ein Familiengeheimnis, das unausgesprochen auf allen Familienmitgliedern lastet und welches sich – wie so oft in Familien –  auf deren Leben auswirkt, ohne konkret in Erscheinung zu treten. Ein sogenannter Dschinn also, das „Vage, das Ungewisse, das Dunkle, das die Menschen verängstigt, weil es nichts Greifbares ist, weil sie es mit ihren eigenen Fantasien ausfüllen müssen und nichts erbarmungsloser ist als die eigene Fantasie“.

Neben den Einblicken in die Familie wird unser Blick geweitet für die Lebenswirklichkeit einer sogenannten Gastarbeiterfamilie aus der Türkei von den 70er Jahren bis heute, in der auch durch die Gesellschaft bestimmte Rollen für die Familienmitglieder vorgegeben werden.

Ein äußerst erhellender und bewegender Roman, der eventuell zu viele Themen anreißt und dessen Ende etwas dramatisch wirkt, der mich dennoch völlig überzeugt hat. Nicht ohne Grund war das Buch auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises. Unbedingt lesen!

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INFOS ZUM BUCH:
TITEL: DSCHINNS
AUTORIN: FATMA AYDEMIR
VERLAG: CARL HANSER

Erschienen: 14.02. 2022

ISBN: ‎978-3446269149

Preis: 24,00 (gebundene Ausgabe), 17,99 (Kindle)

Umfang: 368 Seiten

Hinweis: „Dschinns“ wurde mir umsonst als Rezensionsexemplar vom Carl Hanser Verlag und netgalley.de zur Verfügung gestellt.

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