Kurzrezension: Tatjana Gromača: Die göttlichen Kindchen

Sind in einem kranken System die psychisch Kranken die wirklichen Gesunden? Was passiert mit einem Menschen, wenn er daran verzweifelt, dass er nicht damit zurechtkommt, seine Nachbarinnen und Freundinnen plötzlich hassen zu müssen, weil ein Krieg entflammt und die Liebgewonnenen von falscher Herkunft sind.

„Zum Glück gab es das Krankenhaus, wo jeder sein konnte, was er war.“ Sätze wie diese bleiben haften und graben sich ganz tief ins Gedächtnis. Genauso wie die Gräueltaten während des sogenannten Jugoslawienkriegs in den 1990er Jahren. Davon handelt der Roman „Die göttlichen Kindchen“ von Tatjana Gromača. Die kroatische Autorin lässt ihre namenlose Ich-Erzählerin Episoden aus dem Leben ihrer Mutter in einem distanzierten, teilweise fast lapidaren und beiläufigen Stil beschreiben. Die Erzählerin bleibt dabei selbst vollständig im Hintergrund und ohne besondere Eigenschaften. Im Mittelpunkt steht die Mutter, die Figur, die hier am meisten zu Wort kommt und deren Äußerungen wie in einem Protokoll aufgeschrieben sind. Die aber auch keinen Namen hat.

Die Mutter zerbricht daran, was der Krieg und der entfesselte Hass mit den Menschen um sie herum anstellen, denn sie wird auf Grund ihrer Abstammung zu einer unerwünschten Person. Die Tochter und Ich-Erzählerin versucht zu ergründen, warum ihre Mutter mit Depressionen (ein Begriff, der allerdings nicht genannt wird!) reagiert und findet manches in deren Kindheit begründet: „Möglicherweise ist Mutter im Laufe ihres Lebens etwas zugestoßen, was ihr nicht ganz behagte, aber, so wie ihr Vater sich in der ganzen Frage der Erziehung seiner ältesten Tochter, meiner Mutter, positioniert hatte, existierte Schlechtes nicht. Das, was ihr nicht behagte oder womöglich ein wenig schlecht war, wurde demnach unter den Teppich gekehrt.“ Ebenso wie später die Schrecken des Krieges unter den Teppich gekehrt werden und die Kriegstreiber sich plötzlich als Friedensstifter positionieren können.

Am Beispiel der Mutter, für die die Krankheit letztlich „ein Segen“ und eine Art Schutz vor Anfeindungen und Schlimmerem bedeuten, wird in diesem Buch – fast wie in einer psychologischen Studie – das Einzelschicksal immer in Bezug zu den allgemeinen Verwerfungen in der Gesellschaft gesetzt. Die Autoritätshörigkeit und Gottesfurcht der Mutter, durch die sie sich in einen „Rahmen“ zwingen lässt, kann so auch auf die Gesellschaft übertragen werden, die blind den Autoritäten folgt und sich lieber sedieren lässt als der Wahrheit ins Auge zu blicken.

Ein sehr aufwühlender Roman, der auch abstoßende und schwer erträgliche Stellen enthält. Der leider sehr aktuell ist. Und nachhallt.

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INFOS ZUM BUCH:
TITEL: DIE GÖTTLICHEN KINDCHEN
AUTORIN: Tatjana Gromača
ÜBERSETZUNG: WILL FIRTH
VERLAG: STROUX edition

Erschienen: 24.11. 2022

ISBN: ‎978-3948065249

Preis: 20,00 (Taschenbuch)

Umfang: 132 Seiten

Hinweis: „Die göttlichen Kindchen“ wurde mir umsonst als Rezensionsexemplar vom Verlag STROUX edition und Birgit Böllinger, Büro für Text und Literatur Augsburg, zur Verfügung gestellt.

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