Brief: Olivier Guez: Das Verschwinden des Josef Mengele

Liebe Uli,

erst einmal vielen Dank, dass du mir zutraust, ein Buch in der Art wie Zur See von Dörte Hansen zu schreiben. Ich fühle mich sehr geehrt.

Nordseeküste – Allgäuer Landschaft und generisches Femininum

Die Idee, dieses Buch „Aufm Berg“ zu nennen, gefällt mir auch. Und in einer Hinsicht wäre es thematisch deiner Empfehlung sogar ähnlich: Die Allgäuer Landschaft ist bestimmt ebenso besonders wie die Nordseeküste und die Menschen im Allgäu scheinen mir einiges gemein zu haben mit den etwas wortkargen Nordseefischerinnen. (Übrigens fand ich auch deine Idee mit dem generischen Femininum sehr überzeugend und werde dieses von nun an auch verwenden. Natürlich sind hier ebenso alle nicht weiblichen Menschen angesprochen.)

Namen – nur Schall und Rauch?

Meine heutige Leseempfehlung ist schwere Kost. Ich habe mir das Buch bereits vor einigen Monaten gekauft – das Thema interessiert mich seit langem. Und immer wieder bin ich in den letzten Jahren darauf gestoßen. Zum Beispiel, als ich vor zwei Jahren dringend einen Facharzttermin brauchte und die Sprechstundenhilfe in einer Gemeinschaftspraxis meinte: „Wenn Sie schnell einen Termin brauchen, gibt es nur einen bei Dr. Mengele.“ Ich weiß nicht, wie es dir dabei ergangen wäre, aber ich habe kurz nicht gewusst, ob das ein Scherz ist. Es handelt sich hier zwar nur um einen Namen, aber in Verbindung mit einem Doktortitel finde ich diesen schon sehr speziell.

Und eines darf man nicht vergessen: Ich lebe nicht unweit von dem Familienclan, aus dem der ehemalige Teufel von Auschwitz stammt. Wenn Namen nur Schall und Rauch wären, hätte der Sohn dieses grausamen Lagerarztes sich wohl nicht unter dem Namen seiner Frau als Rechtsanwalt niedergelassen. Auf der anderen Seite kann man die Generationen danach auch nicht in Sippenhaft nehmen. Und bei Nazigrößen mit Allerweltsnamen schert sich heute kein Mensch mehr um diese Verbindungen.

Ein Tatsachenroman von Olivier Guez

Warum empfehle ich dir dieses Buch? Es ist weder große Literatur noch sprachlich brilliant. Es hat mir jedoch alle meine Fragen, die ich zu dieser Thematik hatte, beantwortet. Natürlich wusste ich, dass der oft als „Todesengel von Ausschwitz“ betitelte Mengele nach dem Krieg entkam, nach Südamerika ausreisen konnte und dort lange Zeit unbehelligt lebte. Aber mir war nicht bewusst, wie groß das Netz an Menschen war, die ihn all diese Jahrzehnte unterstützten. Finanziell und mit Rat und Tat.

Der 1974 in Straßburg geborene Autor und Journalist Olivier Guez zeichnet Mengeles Flucht penibel nach. Er durchforstete für seine Recherche Zeugenberichte, alte Gerichts- und Fahndungsakten, Briefe (von denen es viele gibt) und Zeitungsberichte. Er sprach mit Experten und wälzte die bis dato vorhandene Literatur.

Das Ergebnis ist nicht nur ein lückenloser Tatsachenroman, sondern eine Art Politthriller, der viele Fragen beantwortet, bzw. zu beantworten versucht. Auch die Frage, die mich immer am meisten umtrieb: Wie kann es sein, dass dieser Verbrecher nie gefasst wurde? Adolf Eichmann, der in Mengeles Nähe untergekommen war, hat man schließlich auch geschnappt.

Mengeles Flucht nach Südamerika

Aber der Reihe nach: Mengeles Flucht 1949 nach Argentinien ermöglichte ihm dort unter Diktator Péron und mit Hilfe alter Nazi-Seilschaften ein angenehmes Leben – stets finanziell unterstützt von seiner Günzburger Familie, die mit ihrem Landmaschinenhandel immer mehr Umsatz machte und für die Mengele das Geschäft nach Südamerika ausweitete. Erst als Péron gestürzt wird, der deutsche Generalstaatsanwalt Fritz Bauer seine Suche intensiviert und Adolf Eichmann vom Mossad entführt, verurteilt und hingerichtet wird, bekommt dieses gefällige Leben Risse. Mengele flieht nach Paraguay und schließlich nach Brasilien. Immer wieder ändert er seinen Namen und erhält neue Pässe. Immer unterstützt von einflussreichen Nazis und seiner Familie. In Brasilien schließlich ertrinkt Mengele 1979 im Meer.

Die Suche nach dem NS-Verbrecher

Die Familie wird über den Tod informiert, hüllt sich aber weiterhin in Schweigen. Ironischerweise kommt erst nach Mengeles Tod Bewegung in die Suche nach seiner Person. Auch ausgelöst durch Enthüllungen von Überlebenden aus dem KZ Auschwitz. Mengele wird zum weltweit meistgesuchten NS-Verbrecher und die auf seine Ergreifung ausgesetzte Summe beläuft sich auf fast zehn Millionen DM. Auch aus diesem Grund schmiert seine bayerische Familie die Unterstützertruppe mit Unsummen.

Nur durch ein paar unbedachte Bemerkungen des ehemaligen Prokuristen und Freund der Familie Mengele kommt Licht in die Angelegenheit. Hans Sedelmeier, der all die Jahre die Flucht des Lagerarztes maßgeblich begleitet und koordiniert hat – Besuche bei ihm in Südamerika eingeschlossen, verplappert sich und der Stein kommt ins Rollen. Es gibt eine Hausdurchsuchung bei Sedlmeier, in weiser Voraussicht werden die örtlichen Behörden vorher nicht informiert. Beschlagnahmte Briefe bezeugen den Tod des NS-Verbrechers. Es gibt keinerlei Verurteilungen wegen Strafvereitelung, da diese in Deutschland nach fünf Jahren verjährt.

Buchkritik und Empfehlung

Wie kommt man dazu, diese Geschichte in Romanform zu packen? Und ist das überhaupt angemessen? Ich muss zugeben, manche Stellen waren mir etwas zu viel. Denn für die sexuellen Erlebnisse eines Josef Mengele interessiere ich mich nicht wirklich. Auf der anderen Seite kommt durch die fiktiven Erlebnisse und Gedanken der Charakter des Teufels von Auschwitz besonders gut zur Geltung. Er ist bis an sein Lebensende durch und durch besessen von der Rassenideologie und findet es unerhört, dass einer großen Persönlichkeit wie ihm, die durch die Menschenversuche im KZ so viel zur medizinischen Forschung beigetragen hat, nicht die verdiente Ehre zuteilwird. Man kommt diesem Mann gefährlich nahe und muss sich als Leserin immer die nötige Distanz verschaffen. Um sich nicht zu sehr über sein gutes Leben in Luxus und Annehmlichkeiten zu ärgern. Und um sich nicht zu sehr über den körperlichen Verfall, sein Leiden und seine Einsamkeit in den letzten Jahren zu freuen.

Das Buch von Olivier Guez ist sprachlich nüchtern und liest sich teilweise wie ein Tatsachenbericht. Das finde ich äußerst passend, denn es zeigt, dass der Roman faktenbasiert ist und erleichtert den Leserinnen auch die Wahrung der Distanz. Ich kann „Das Verschwinden von Josef Mengele“ historisch Interessierten sehr empfehlen.

Filmtipps

Ich weiß, liebe Uli, dass du dich für dieses Kapitel der Geschichte ebenfalls interessierst und das Wiedererstarken der Rechten in Europa beunruhigend findest. Dazu passt einer der letzten Sätze dieses Buches:

Immer nach zwei oder drei Generationen, wenn das Gedächtnis verkümmert und die letzten Zeugen der vorherigen Massaker sterben, erlischt die Vernunft, und Menschen säen wieder das Böse.

Sich mit dieser Thematik zu beschäftigen, macht sicher keine gute Laune. Ist jedoch aus genau diesem Grunde wichtig. Deshalb möchte ich dir noch zwei Filmtipps geben:

Der Autor Olivier Guez hat übrigens auch am Drehbuch für den Film Der Staat gegen Fritz Bauer“ mitgewirkt und dafür den deutschen Filmpreis erhalten. Wir haben ihn neulich angeschaut und fanden ihn sehr sehenswert. Und in der ARD kommt gerade die historische Miniserie „Bonn – Alte Freunde, neue Feinde“ – ganz passend zur Thematik: Es geht um Seilschaften im Altnazi-Milieu in den 50er Jahren. Serie wie Film beruhen auf wahren Begebenheiten und sind spannend und aufschlussreich.

Das war ein langer Brief! Glückwunsch, wenn du bis zum Ende gelesen hast!

Ich bin auf deine nächste Empfehlung gespannt und grüße dich ganz herzlich aus einer verschneiten und kalten Winterlandschaft

Petra

Wenn du das Buch lesen möchtest, kannst du es hier* bestellen.

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INFOS ZUM BUCH:
TITEL: DAS VERSCHWINDEN DES JOSEF MENGELE (La disparition de Josef Mengele)
AUTOR: OLIVIER GUEZ
ÜBERSETZUNG: NICOLA DENIS
VERLAG: atb

Erschienen: 18.02. 2020

ISBN: ‎‎ 978-3746636672

Preis: 12,00 (Taschenbuch), 8,99 (Kindle)

Umfang: 224 Seiten

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